fuenfter eintrag

Tagebuch des Dr. Hirschhorn – Vierter Eintrag

Vierter Eintrag

Waldheim, am Abend des 19. September Anno Domini 1460

Ich erwachte in der Ausspanne zu Grimma von einem Geräusch, das mir zunächst wie das Poltern eines betrunkenen Fuhrmanns erschien, sich aber bald als das Werk des Windes entpuppte, der an den Fensterläden rüttelte, als wolle er Einlass begehren und sich, da man ihm nicht öffnete, an der Beleidigung rächen. Der Herbst, der uns bislang mit jener milden Höflichkeit begegnet war, die man einem geehrten Gast entgegenbringt, zeigte über Nacht sein wahres Gesicht: Der Himmel hing tief und grau wie ein nasses Bettlaken über den Dächern, ein scharfer Wind fuhr die Gassen entlang, und als ich die Fensterläden endlich öffnete, empfing mich ein Regen, so fein und beharrlich, dass er eher zu durchdringen als zu fallen schien. Meine linke Schulter, die mir seit einem Sturz vom Pferde in jüngeren Jahren zuverlässiger als jeder Kalendermönch die Witterung ankündigt, hatte mich bereits im Schlaf gewarnt; ich hätte ihr, wie meistens, mehr Glauben schenken sollen, ehe ich klagte.

Doch ehe ich vom Wetter dieses Tages weiter berichte, muss ich noch einer Begegnung gedenken, die uns allen den Morgen verdüsterte, lange bevor der erste Tropfen fiel. In der großen Stube der Ausspanne, wo wir uns zum Frühmahl versammelten, nächtigte auch eine Gesellschaft fahrender Leute – ein Seiltänzer mit einem Bären, der aussah, als habe er das Tanzen längst verlernt und nur das Seufzen behalten, zwei Musikanten mit Fiedel und Dudelsack, und, am auffälligsten von allen, ein hagerer Mann mit einer Bilderrolle unter dem Arm, den man mir als Moritatenschreiber vorstellte. Er hatte eine Stimme, die aus einem viel größeren Körper zu kommen schien, und ehe wir unser Brot gebrochen hatten, war er bereits mit einer Bank ans Fenster gerückt, entrollte sein grob bemaltes Tuch – Städte in Flammen, gekrönte Häupter mit weit aufgerissenen Mündern, ein Drache, der verdächtig nach dem Halbmond aussah – und begann, mit dem Stock auf die Bilder zeigend, jene Nachrichten zu verkünden, die er, wie er behauptete, „von Kaufleuten aus dreißig Städten und aus erster Hand von einem Pilger, der selbst in Konstantinopel stand, ehe es fiel” gesammelt habe.

Von Böhmen sprach er zuerst, von jenem Georg von Podiebrad, den er nicht König, sondern „Ketzerkönig” nannte, mit einer Verachtung in der Stimme, die ihm, wie ich später erfuhr, gutes Trinkgeld von frommen Zuhörern einbringt, mochte sie noch so unbegründet sein; der Papst selbst, so raunte er, weigere sich, dessen Krone zu segnen, und man munkle, ein Kreuzzug gegen die eigenen böhmischen Lande sei nicht mehr undenkbar. Ich sah, wie Bohuslav bei diesen Worten die Kiefer zusammenbiss, ohne ein Wort zu sagen, und wie Justus ihm einen kurzen, warnenden Blick zuwarf, den der Moritatenschreiber, gottlob, nicht bemerkte. Von dort wandte sich der Mann, kaum dass er Atem geholt hatte, gen Osten, zum Falle Konstantinopels – „sieben Jahre ist es her, gute Leute, und noch immer, sagt man, hört man in manchen Nächten die Glocken der Hagia Sophia unter dem Halbmond weinen” –, und mischte, mit der Geschicklichkeit eines Mannes, der sein Handwerk gut versteht, in dieselbe Rede sogleich unseren eigenen sächsischen Bruderzwist, jenen unseligen Krieg, in dem sich die Wettiner Brüder um Land und Erbe zerfleischt hatten und dessen Wunden, wie er behauptete, noch immer eitern, „denn wo zwei Fürsten sich schlagen, bleibt dem gemeinen Mann nur die Wahl, ob er verhungert oder zum Räuber wird”. Er endete, wie es solche Männer gerne tun, mit dem Jüngsten Tag selbst, mit Kometen, die man in Franken gesehen habe, mit einer Kuh, die zwei Köpfe geboren, und mit der Versicherung, dass alle diese Zeichen, recht gedeutet, auf das nahe Ende aller Dinge wiesen – worauf er seinen Hut herumgehen ließ und, wie ich mit einiger Verwunderung feststellte, ihn erstaunlich voll zurückerhielt.

Ich gebe zu, dass mir als Mann der Wissenschaft wenig an Kometen und zweiköpfigen Kühen liegt, doch die Wirkung solcher Reden auf gewöhnliche Gemüter ist eine, die ich als Arzt nicht gering schätze. Ich habe ausreichend Kranke gesehen, deren Leiden mehr aus der Furcht vor dem Ende als aus wirklichem Übel erwuchs. Und so beobachtete ich mit wachsender Sorge, wie sich die Heiterkeit unserer Gesellschaft, die uns bislang wie ein warmer Mantel begleitet hatte, unter den Worten dieses Mannes langsam auflöste. Caspar versuchte es zweimal mit einem Scherz – beim zweiten Male etwas über den Bären, der, wie er meinte, „mehr Verstand im Tanzbein habe als mancher Fürst im Kopf” –, doch das Lachen, das ihm sonst so mühelos zufliegt, blieb diesmal aus, verklang in der Stube wie ein Ton, den niemand aufnehmen wollte. Hinricus Luneborg starrte in seinen Becher, als suche er dort eine Antwort, die ihm die Zahlen sonst so verlässlich lieferten, und Velten, unser Söldnerführer, sagte nur trocken, ehe er sich abwandte: „Weltuntergänge, gute Leute, kosten einen Silberling, ein Überfall auf offener Straße kostet mehr” – ein Satz, der mir damals wie eine derbe Nüchternheit erschien und den ich heute Abend, da ich dies niederschreibe, nicht mehr ganz so leicht abtun kann.

Von diesen düsteren Vorzeichen – ich will das Wort hier bewusst gebrauchen, ehe der Tag mir zeigte, wie wenig ich damals ahnte, wie berechtigt es war – wandte sich mein Blick zu einer helleren Angelegenheit, die uns noch vor dem Aufbruch ereilte. Margarethe, die ich seit dem Vorabend für versorgt gehalten hatte, erschien beim Frühmahl mit einem Gesicht, das mich sogleich an meine ärztliche Pflicht erinnerte, nach der Ursache zu fragen, ehe man ein Heilmittel verschreibt. Ihre Tante, so berichtete sie mit einer gefassten Stimme, die mich mehr rührte als lautes Weinen es vermocht hätte, sei vor zwei Tagen verstorben – zwei Tage, ehe Margarethe, die von all den Wochen ihrer beschwerlichen Reise nichts geahnt hatte, an ihre Tür geklopft hätte. Das Haus, in dem sie Zuflucht zu finden gehofft hatte, gehöre nun rechtens dem Bruder der Verstorbenen, einem Mann, den Margarethe zuvor nie gesehen hatte und der sie, wie sie mit einem bitteren kleinen Lächeln anmerkte, „mit ebenso viel Herzlichkeit empfing wie ein Zöllner einen unangemeldeten Wagen”. Sie stehe also, so schloss sie ihren Bericht, buchstäblich ohne Dach, doch – und hier hob sie das Kinn auf eine Weise, die mir zeigte, dass diese junge Frau mehr Stahl in sich trägt, als ihr zerschlissenes Reisekleid vermuten ließ – nicht ohne alles: Aus dem Nachlass ihrer Tante seien ihr, kraft eines alten, noch zu ihren Lebzeiten verbrieften Versprechens, mehrere Ballen kostbaren Pelzwerks zugefallen, Zobel und Feh, wie sie mir später zeigte, von einer Güte, die selbst meinem ungeübten Auge auffiel – ein Vermögen auf vier Rädern, sozusagen, das ihr nun aber ebenso viel Sorge wie Sicherheit bereitete, denn eine junge Frau, allein, mit einem Schatz von solchem Wert und ohne bewaffnetes Geleit, ist, wie mir die Ereignisse dieses Tages noch grausam genug beweisen sollten, eine Beute, die manchem Wegelagerer süßer schmeckt als Silber.

Es war Caspar, der sich, kaum dass Margarethe geendet hatte, von seinem Platz erhob – etwas hastiger, wie mir schien, als es der Anstand eigentlich gebot, doch wer wollte es ihm bei seinen zwanzig Jahren verübeln – und mit einer Feierlichkeit, die man diesem sonst so leichtfüßigen jungen Mann kaum zugetraut hätte, erklärte, er werde Margarethe und ihr Erbe unter seinen persönlichen Schutz stellen, „so weit meine Klinge und mein Wort reichen, und ich bitte, meine Herren, dass Ihr mir glaubt, wenn ich sage, dass meine Absichten so ernst sind, wie es meine Zunge sonst selten zulässt”. Ein kurzes, fast verlegenes Schweigen legte sich über den Tisch, ehe Hans Kreutzfeld in schallendes Gelächter ausbrach und rief, das sei das erste ernste Wort, das er je aus Caspars Mund vernommen habe, und man solle es sich wohl merken, denn dergleichen geschehe vielleicht nur einmal im Leben eines Mannes. Doch Caspar ließ sich nicht beirren, sondern fuhr fort, an die versammelten Kaufleute gewandt, er bäte um ihre Duldung, ja um ihren Segen für diese junge, kaum begonnene Zuneigung, und verpflichte sich, noch ehe wir Prag erreichten, öffentlich und feierlich um Margarethes Hand anzuhalten und ihr die Ehe zu versprechen, „damit niemand unter uns denke, hier geschehe etwas, dessen sich ein ehrbarer Mann zu schämen hätte”. Ich sah, wie Hinricus Luneborg bei diesen Worten ein seltsam schiefes Lächeln über die Lippen huschte – ein Lächeln, das ich mir, in Anbetracht dessen, was ich in Grimma über ihn und Bohuslav erlauscht hatte, nicht recht zu deuten wusste, ob es Zustimmung war oder eine Art bitterer Selbsterkenntnis –, während Justus, der Margarethe seit ihrer Aufnahme mit einer Freundlichkeit behandelt hatte, die, wie ich nun vermute, weniger ihr als seiner eigenen fernen Tochter Mathilda galt, dem jungen Mann lange und prüfend in die Augen sah, ehe er ihm die Hand reichte und nur sagte: „Gut. Dann sorge auch dafür, dass sie es nicht bereut.” Ein karger Segen, gewiss, doch von Justus in diesen Tagen war es beinahe eine Predigt.

Ich vermerke hier, mehr der Vollständigkeit als der Neugier halber, dass mir zwischen Justus und Hinricus in diesen Morgenstunden eine Kühle auffiel, die ich zuvor nicht bemerkt hatte, oder die ich, in meiner Sorge um andere Dinge, schlicht übersehen haben mag. Sie sprachen, wo sonst geschäftliche Vertraulichkeit zwischen ihnen herrschte, nur das Nötigste, und einmal, als Hinricus eine Frage nach dem gemeinsamen Warenlager stellte, antwortete Justus so knapp, dass es fast wie eine Zurechtweisung klang. Ob dies mit jenem geflüsterten Gespräch über Ulrike zusammenhängt, von dem ich Justus nichts gesagt habe, oder mit älteren, mir unbekannten Rechnungen zwischen den beiden Männern – ich vermag es nicht zu sagen, und ich hüte mich, hier mehr zu vermuten, als die Tatsachen hergeben. Doch ein Arzt lernt, auf das zu achten, was zwischen den Worten liegt, und zwischen diesen beiden Männern lag an jenem Morgen etwas, das keinen Namen trug und doch spürbar war wie ein Zug aus einer angelehnten Tür.

So beladen mit Vorzeichen, Geständnissen und stillem Argwohn verließen wir Grimma, und der Regen, der uns beim Aufbruch begrüßte, schien mir zunächst nur die äußere Entsprechung dessen, was in unserer Gesellschaft an jenem Morgen bereits regnete. Doch die Straße, die uns nun am Ufer der Mulde entlangführte, tat, was gute Straßen und schöne Landschaften manchmal an der Seele eines Menschen vollbringen, ehe er es selbst bemerkt: Sie heilte, ganz ohne mein Zutun, was der Moritatenschreiber und die Sorgen des Morgens angerichtet hatten. Der Fluss, an manchen Stellen breit und träge, an anderen über flache Steine tänzelnd, begleitete uns zur Linken, gesäumt von Erlen, deren Blätter das erste zaghafte Gelb des Herbstes trugen, und die Hügel zu beiden Seiten, sanft gerundet und mit jenem satten Grün bewachsen, das selbst ein Regenhimmel nicht ganz zu dämpfen vermag, öffneten sich mir wie eine freundliche Hand, die mich einlud, den Blick von meinen Sorgen zu lösen. Der Weg selbst, gut erhalten und fest, trug uns zügiger voran, als ich es nach den Ereignissen des Vortages erwartet hätte, und Justus, der über Waldheim hinaus nun das Zschopautal ansteuerte, bemerkte gegen Mittag, als der Regen endlich nachließ und nur noch ein feuchter Glanz auf den Blättern hing, man solle „diesem Land dankbar sein, dass es uns die Reise so leicht macht, wo doch der Himmel und die Menschen sich sonst so viel Mühe geben, sie schwer zu machen” – ein Satz, der mich lachen ließ, das erste Lachen, wie mir auffiel, seit dem Frühmahl.

Wir wechselten, wo der Weg es erlaubte, vom Muldental hinüber in das Tal der Zschopau, eines rascheren, muntereren Flusses, der sich zwischen bewaldeten Hängen hindurchwindet, als könne er es nicht erwarten, sein Ziel zu erreichen – eine Ungeduld, die, wie ich hier vorwegnehmen muss, an diesem Tage nicht ihm allein vorbehalten war. Die düsteren Gedanken, die mich seit dem Moritatenschreiber begleitet hatten, verflüchtigten sich zusehends in dieser Landschaft, die mir, ich gestehe es offen, lieblicher erschien als vieles, was ich auf meinen Reisen durch fremdere Länder gesehen habe; ich dachte, nicht zum letzten Male auf dieser Fahrt, dass ein Mensch, der solche Täler durchwandert, kaum anders kann, als an eine gütige Vorsehung zu glauben, mochten die Zeiten auch noch so unruhig sein, von denen der fahrende Schreiber am Morgen gesprochen hatte.

Doch die Vorsehung, wie ich noch an diesem selben Tag lernen sollte, hält ihre Gaben oft in derselben Hand wie ihre Prüfungen.

Etwa zwei Meilen vor Waldheim, als schon die ersten Türme der Burg Kriebstein, hoch auf ihrem Felsen über der Zschopau thronend, am Horizont sichtbar wurden – ein Anblick, den ich unter anderen Umständen mit reiner Freude betrachtet hätte, denn selten hat eine Burg so sehr ausgesehen, als sei sie einem Bilderbuch der Ritterzeit entsprungen –, bemerkte Bohuslav als Erster eine Wolkenformation, die auch mir, kaum dass er darauf gewiesen hatte, ein Unbehagen einflößte, das ich mir mit meinem nüchternen Verstand nicht recht erklären konnte. Über den Hügeln im Südwesten hatten sich die Wolken zu einer Gestalt geballt, die – ich schreibe es nieder, obgleich ich mich meiner eigenen Einbildungskraft schäme – nicht unähnlich einem aufgerichteten Wolf war, mit einem lang gezogenen, dunkleren Wolkenband als Rachen, der sich über den Himmel zu strecken schien. Hans Kreutzfeld bekreuzigte sich, ohne ein Wort zu sagen, und selbst Velten, der mir bislang als ein Mann erschienen war, dem nichts zwischen Himmel und Erde den Schlaf raubt, zügelte für einen Atemzug sein Pferd und musterte die Wolke mit einer Aufmerksamkeit, die mehr über seine wahre Natur verriet, als es sein narbiges Gesicht sonst zuließ.

Wir waren noch nicht eine Viertelstunde weitergezogen, als sich zeigte, dass dieses Vorzeichen – wenn es denn eines war, und ich neige heute, im Nachhinein, eher dazu, es zu glauben, als es an jenem Morgen für möglich gehalten hätte – kein leeres war. Aus dem Südwesten, dort, wo die Zschopau sich in einer breiten, sumpfigen Niederung dem Städtchen Waldheim näherte, stieg Rauch auf, schwarz und fettig, wie ihn brennendes Fuhrwerk und nicht brennendes Reisig erzeugt, und mit dem Wind, der uns nun von dorther entgegenwehte, trugen sich Laute herüber, die keinen Zweifel ließen: das Klirren von Eisen auf Eisen, Schreie von Menschen und Pferden, die keine Freude verkünden.

Was in den nächsten Augenblicken geschah, verlangt von mir, dass ich meine Feder mit größerer Eile führe, als es meiner sonstigen Gewohnheit entspricht, denn auch die Ereignisse selbst duldeten kein Zögern. Justus, kaum dass er begriffen hatte, was der Rauch bedeutete, wandte sein Pferd mit einer Entschlossenheit, die mir jeden Zweifel an seiner Führerschaft für alle Zeit nahm, und rief Velten zu, seine Männer zu sammeln; es bedurfte keiner langen Rede, keiner Abstimmung unter den Kaufleuten, ob man sich in fremde Gefahr begeben solle – ein einziger Blick zwischen Justus und Velten genügte, und schon preschten die acht Söldner voran, mit ihnen, zu meinem eigenen Erstaunen, auch Bohuslav, der sein Ross mit einer Geschicklichkeit über den unwegsamen Uferstreifen lenkte, die mir zeigte, dass dieser Mann weit mehr als nur Straßen und Wetterzeichen kennt. Caspar, der noch am Morgen von zärtlicher Verpflichtung gesprochen hatte, zog nun, ohne ein weiteres Wort an Margarethe zu verschwenden, sein Schwert – ein Anblick, der mir für einen Herzschlag lang mehr Sorge als Stolz bereitete, denn ich hatte den Jungen bislang für einen Schwätzer, nicht für einen Kämpfer gehalten, und sollte binnen einer Stunde eines Besseren belehrt werden.

Als wir die Niederung erreichten – ich selbst hielt mich, meiner Zunft und meinem Alter gemäß, im hinteren Teil des Zuges, meine Truhe griffbereit, denn ich ahnte, dass man mich bald nicht als Erzähler, sondern als Arzt benötigen würde –, bot sich uns ein Bild, das ich in meinen zwanzig Jahren als Feldscher in keinem Krieg grausiger gesehen habe: Ein fremder Wagenzug, kleiner als der unsrige, lag zerstreut über den morastigen Boden, zwei Fuhrwerke bereits in Flammen, andere umgestürzt, und zwischen ihnen kämpfte eine Handvoll verzweifelter Männer, offenbar die eigenen Knechte und wenigen bewaffneten Begleiter des fremden Zuges, gegen eine Übermacht berittener Männer, die ich auf den ersten Blick für reguläre Söldner gehalten hätte, wäre da nicht die Wildheit ihres Vorgehens gewesen, die eher an Wölfe als an disziplinierte Krieger gemahnte – Heckenreiter, wie ich später erfuhr, herrenlose Reste jener Kriegsvölker, die der sächsische Bruderzwist vor Jahren aus ihren angestammten Diensten entlassen hatte und die seither, ohne Sold und ohne Skrupel, die Landstraßen dieser Gegend heimsuchen, wo immer sich Beute zeigt und niemand fragt, wessen Fahne sie einst folgten.

Was nun geschah, will ich so schildern, wie es sich meinem Auge darbot, obgleich ich gestehen muss, dass die Erinnerung an solche Augenblicke selten in geordneter Reihenfolge zurückkehrt, sondern eher wie Blitze in einem Gewitter, die man erst im Nachhinein zu einer Geschichte fügt. Velten, an der Spitze unserer Söldner, ritt nicht etwa in die dichteste Schar der Angreifer, wie ich es in meiner Unkenntnis erwartet hätte, sondern schwenkte mit kühler Berechnung seitwärts, um den Heckenreitern in die offene Flanke zu fallen, dorthin, wo sie, mit dem Rücken zur Zschopau, am wenigsten mit einem Angriff rechneten. Ich hörte ihn etwas rufen, das wie „für Halle und für unser Brot” klang, doch ich könnte mich täuschen, denn in diesem Augenblick begann bereits das Krachen der ersten Zusammenstöße, ein Geräusch, das ich, so hoffe ich zu Gott, nie wieder mit solcher Nähe vernehmen muss. Hans Kreutzfeld, breit wie eine Salzpfanne, wie ich ihn eingangs dieser Blätter genannt habe, erwies sich in diesem Moment als das, wozu ihn seine Statur von Natur aus bestimmt zu haben schien: Er ritt mitten hinein, nicht mit der Eleganz eines geschulten Ritters, sondern mit der rohen Wucht eines Mannes, der sein Leben lang schwere Fässer gewälzt hat, und schlug zwei der Angreifer aus dem Sattel, ehe diese recht begriffen hatten, dass Verstärkung eingetroffen war. Caspar, an dessen Seite ich mich, aller Vernunft zum Trotz, für einen Moment wiederfand, focht mit einer verzweifelten, fast tollkühnen Wildheit, die weniger von Können als von Zorn zeugte – Zorn, wie ich mir heute Abend denke, der vielleicht weniger den fremden Räubern als der eigenen Angst um Margarethe galt, die er, sicher hinter unserem Zug verwahrt, wusste, doch deren Schicksal, hätte dieser Tag anders geendet, gewiss nicht besser gewesen wäre als das der Fremden, die wir hier verteidigten.

Bohuslav, das muss ich mit besonderem Nachdruck festhalten, kämpfte nicht wie ein Wegkundiger, den man aus Zufall bewaffnet findet, sondern mit einer stillen, geübten Präzision, die mich in meinem Argwohn, den ich seit dem ersten Tag gegen ihn gehegt und seit Grimma nur notdürftig beruhigt hatte, aufs Neue nährte – wer lernt, sich mit solcher Kaltblütigkeit durch ein Gefecht zu bewegen, hat dies gewiss nicht auf den Salzstraßen zwischen Halle und Prag gelernt, sondern in einem Leben, von dem er uns bislang nichts erzählt hat. Doch dies ist eine Beobachtung, die ich für ruhigere Stunden aufheben muss, denn in jenem Augenblick war meine Aufmerksamkeit bereits einem der Naumburger Knechte zugewandt, der mit klaffender Wunde am Arm zu Boden gesunken war und meiner Truhe mehr bedurfte als meiner Feder.

Der Kampf, den ich, wäre ich nicht selbst darin verstrickt gewesen, für eine Ewigkeit gehalten hätte, währte, wie mir Justus später versicherte, kaum eine halbe Stunde, ehe die Heckenreiter, die den Widerstand unseres frisch eingetroffenen Zuges nicht erwartet hatten, ihre Übermacht schwinden sahen und zur Flucht wandten – zu spät für zehn der ihren, die auf dem Feld blieben, und für die übrigen zwanzig, die, teils verwundet, teils schlicht von Veltens Männern in die Enge zwischen Fluss und Wald getrieben, sich schließlich ergaben, mit jener plötzlichen Demut, die man bei solchen Gesellen findet, sobald das Glück sie verlässt. Es waren, wie einer von ihnen unter der Folter meiner ärztlichen Fragen – ich meine dies bildlich, versteht mich recht, ich verband nur seine Wunde und ließ ihn dabei reden – gestand, hessische Landsknechte, die nach dem Ende ihres Solddienstes im sächsischen Bruderzwist keinen Weg zurück in ihre Heimat gefunden und sich seither, ein gutes Jahrzehnt lang schon, als Heckenreiter durch diese Wälder geschlagen hätten, ein Bekenntnis, das mich mehr betrübte als erzürnte, denn was ist ein entlassener Söldner anderes als ein Werkzeug, das man nach Gebrauch fortwirft und sich dann wundert, wenn es sich eine eigene, grimmigere Verwendung sucht?

Der Anführer des überfallenen Zuges, ein beleibter, aber keineswegs feiger Mann namens Andreas Gessler, seines Zeichens Wein-, Leder- und Tuchhändler aus Naumburg, kam, kaum dass er sich von seinem Erstaunen erholt hatte, überlebt zu haben, auf Justus zu und dankte ihm mit Worten, die mehrfach ins Stocken gerieten, weil dem Manne die Tränen näher standen, als es sein Stand ihm eigentlich erlauben mochte; er habe, so gestand er, in den letzten Wochen bereits zwei seiner Fuhrleute an ebensolche Gesellen verloren und sich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, heute den Rest seines Lebens zu verlieren. Noch während wir die Wunden versorgten und die Toten – auf beiden Seiten, denn auch wir hatten nicht ohne Preis gesiegt, wenngleich, Gott sei gedankt, keiner unserer eigenen Leute unter ihnen war, nur zwei verwundet, einer davon schwer – zur Seite trugen, näherte sich vom Wald her eine kleine bewaffnete Schar, angeführt von einem hochgewachsenen Ritter in gutem, wenn auch nicht neuem Harnisch, der sich als Marcus von Beerwalde vorstellte, Burgherr jenes Kriebstein, dessen Türme wir kurz zuvor noch so arglos bewundert hatten. Der Lärm des Gefechts, so erklärte er mit einer Mischung aus Bedauern und Pflichtbewusstsein, sei bis zu seinen Mauern gedrungen, doch der Weg vom Felsen hinab habe seine Zeit gefordert – „schneller, gute Herren, kann ein Stein nun einmal nicht laufen, so sehr er es auch wollte” –, und er übernahm ohne weiteren Federstreit die Gefangenen, die er, wie er versicherte, seinem Landgericht zuführen werde, ein Angebot, dem wir, erschöpft wie wir waren, mit ehrlicher Erleichterung zustimmten.

Da die Stunde für eine weitere Meile zu weit vorgerückt und die Naumburger Wagen zu beschädigt waren, um noch am selben Abend Waldheim zu erreichen, beschlossen beide Züge, Halle und Naumburg gemeinsam, an eben diesem Ort, den das Unglück und, wie ich mittlerweile eher glaube, eine gütigere Fügung zusammengeführt hatten, das Nachtlager aufzuschlagen. Es ward ein seltsam feierlicher Abend, mehr Trauer als Triumph, doch mit jenem eigentümlichen Trotz, den Menschen zeigen, die dem Tode knapp entronnen sind: Man teilte Brot und Wein über die Grenzen der beiden Zünfte hinweg, man erzählte, mit jener Übertreibung, die dem Schrecken seine Schärfe nimmt, wer welchen Heckenreiter erschlagen habe, und Andreas Gessler schwor, mit einer Hand auf Justus’ Schulter und der anderen auf sein Herz, dass die Naumburger den Halleschen fortan Beistand leisten würden auf jeder Straße, die sie gemeinsam zögen, „so wahr mir Gott helfe und so wahr ich Andreas Gessler heiße” – ein Schwur, den beide Seiten mit einem Handschlag besiegelten, der, wie mir schien, ehrlicher war als mancher besiegelte Vertrag, den ich in meinem Leben als Zeuge unterschrieben habe.

Ich kann es mir indes nicht verkneifen, hier, in der Stille meiner Kammer, eine Bemerkung niederzuschreiben, die ich am Lagerfeuer klugerweise für mich behielt, denn der Abend war nicht die Stunde für solche Spitzfindigkeiten: Dieser schöne, brüderliche Bund zwischen Halle und Naumburg, so sehr er meinem Herzen wohltat, ist, streng genommen, ein unrechtmäßiges Ding. Naumburg, wie ich es aus meinen Studienjahren noch weiß, trat vor achtundzwanzig Jahren, im Jahre 1432, der Hanse bei, ein Bündnis, das der Stadt Handel und Schutz verhieß – doch schon ein Jahr darauf zwang der eigene Bischof von Naumburg, dem an weltlicher Macht seiner Bürger wenig gelegen war, die Stadt zum Austritt aus ebendiesem Bunde, mit jener Entschlossenheit, mit der Kirchenfürsten ihre Schäfchen zu lenken pflegen, wenn deren Wohlstand die eigene Autorität zu überschatten droht. Ein hansisches Halle also, das sich einer nicht-hansischen, weil bischöflich entmündigten Naumburger Kaufmannschaft zu ewigem Beistand verpflichtet – ich wage zu behaupten, dass es in den Kontorstuben Lübecks oder Magdeburgs manchem grauen Herrn die Zornesröte ins Gesicht triebe, erführe er von diesem Handschlag am Ufer der Zschopau. Doch ich für meinen Teil, so viel sei meiner Feder gestattet, halte es mit jenen Gesetzen, die das Herz schreibt und nicht der Rat, und will es dabei belassen.

Der folgende Morgen indes hielt eine Enttäuschung bereit, die mich, so seltsam es klingt nach den Schrecken des Vortages, fast mehr betrübte als das Gefecht selbst. Noch ehe die Sonne recht über den Bäumen stand, näherte sich von Waldheim her ein Zug von Mönchen des dortigen Augustinerklosters, in Kutten, die vom nächtlichen Tau dunkel gefleckt waren, singend und betend, mit einem Kreuz vorangetragen, und für einen Herzschlag lang füllte sich unser beider Lager mit jener Rührung, die man empfindet, wenn die Kirche just in der Stunde erscheint, da man ihrer am meisten bedarf. Man kniete nieder, auch ich, der ich mich sonst eher an Galen als an die Heiligen halte, ließ mich von der Feierlichkeit des Augenblicks ergreifen, und der Abt selbst, ein rundlicher Mann mit einer erstaunlich volltönenden Stimme für seine geringe Statur, begann eine Messe, die, wie mir bald auffiel, sich seltsam häufig um die Bedrohung durch den Türken drehte – ein Gebet, wie ich es zunehmend auch in anderen Städten gehört habe, seit Konstantinopel gefallen ist, und das man mir gegenüber schon einmal als „Türkengebet” bezeichnet hatte, ohne dass ich seinerzeit der Sache weiter nachgegangen wäre.

Erst als die Messe ihrem Ende zuging und der Abt, mit einer Geschmeidigkeit, die seinem geistlichen Amte eigentlich hätte fremd sein sollen, von der Errettung der Christenheit zur Notwendigkeit weltlicher Mittel überging, ward mir – und, wie ich an den sich verdüsternden Mienen um mich her ablas, auch den anderen – klar, worauf dies alles hinauslief: Er verlangte, im Namen des Kreuzzugs gegen die Osmanen, eine Abgabe, die er mit dem hübschen Namen „Türkenpfennig” versah, von jedem Wagen, jedem Kaufmann, ja sogar, wie ich mit einiger Bitterkeit vermerken muss, von den verwundeten Naumburgern, deren Blut kaum trocken auf diesem Boden war. Andreas Gessler, ein frommer Mann, wie ich in der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft erfahren durfte, zahlte dennoch, mit einer Miene, die mehr von Pflichtgefühl als von Andacht sprach, und auch Justus öffnete, wenn auch sichtlich widerwillig, seinen Beutel; ich selbst gab, was der Anstand gebot, doch ich gestehe, dass mir bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal auf dieser Reise der Gedanke kam, ob nicht mancher, der im Namen der Frömmigkeit die Hand ausstreckt, in Wahrheit nur ein anderes Gewerbe betreibt als jene Heckenreiter, die wir tags zuvor bekämpft hatten – ein Gedanke, den ich hier nur meinem Tagebuch anvertraue und den ich, so viel Vorsicht muss auch ein Arzt walten lassen, keinem Mönch ins Gesicht sagen würde.

So schieden wir, kurz nach der Mittagsstunde, endlich von den Naumburgern, mit vielen Umarmungen, guten Wünschen und dem Versprechen, einander in Prag oder auf künftigen Straßen wiederzusehen; Andreas Gessler wandte sich mit seinem geflickten Zug nordwärts, in Richtung seiner Heimatstadt, während wir uns, nun um die Erfahrung eines gemeinsam bestandenen Schreckens reicher und, wie mir schien, auch inniger miteinander verbunden als noch vor zwei Tagen, gen Süden wandten, dem Erzgebirge und seinen Pässen entgegen, die, wie Justus nicht müde wurde zu betonen, „hoffentlich weniger aufregend sein werden als das Zschopautal, dessen Gastfreundschaft ich in Zukunft gerne entbehren würde”.

„Ein Land kann in derselben Stunde ein Paradies und ein Schlachtfeld sein; der Unterschied liegt selten in der Landschaft, meistens in dem, was der Mensch aus ihr macht.”

— Th. Hirschhorn