Tagebuch des Dr. Hirschhorn – Dritter Eintrag

 

Grimma, am Abend des 18. September Anno Domini 1460

Der Morgen begann mit einer Prophezeiung, wie sie nur Caspar Rideburg von sich geben kann. Kaum hatte er die Nase aus der Kammer der Ausspanne gestreckt, verkündete er mit der Feierlichkeit eines Domherrn, der Tag werde trocken und mild werden, „denn mein linkes Knie, das ich von meiner seligen Großmutter geerbt habe, spricht deutlicher zu mir als jeder Mönch mit seinem Kalender“. Hinricus Luneborg, der solche Scherze für unter seiner Würde hält, murmelte etwas von Aberglauben, doch als sich der Himmel tatsächlich in ein reines, hohes Blau kleidete, kaum von einer einzigen Wolke getrübt, sah ich, wie selbst er ein Lächeln unterdrückte, das ihm nicht recht zu Gesicht stehen wollte. Ich für meinen Teil war zufrieden festzustellen, dass niemand aus unserer Gesellschaft über Übelkeit, Fieber oder wunde Füße klagte – ein Zustand, der, wie ich aus zwanzig Jahren ärztlicher Erfahrung weiß, selten länger als drei Tage andauert, und den man daher zu genießen weiß, solange er währt.

Während die Fuhrleute die Ochsen anschirrten, ritt ich eine Weile neben Justus, und unser Gespräch wandte sich, wie es unter Männern unserer Herkunft nicht ausbleiben kann, den Geschäften unserer Heimatstadt zu. Justus sprach mit jener Sorge, die er sonst nur seinen Kindern vorbehält, von Halles schwindender Stellung als Handelsplatz. „Leipzig wächst uns über den Kopf, Thomas“, sagte er, den Blick auf die Türme voraus gerichtet, die sich eben erst über den Kornfeldern zeigten, „ihre Messen ziehen die Kaufleute aus Nürnberg, aus Venedig, aus dem ganzen Reich an, während unsere alten Rechte auf zwei Jahrmärkte langsam verstauben wie ungelesene Urkunden.“ Ich wandte ein, dass Halles Salz doch nach wie vor begehrt sei, doch Justus schüttelte den Kopf. „Salz allein macht keine Stadt groß. Es braucht das kaiserliche Siegel, das unsere Messeprivilegien erneuert und bestätigt – und je länger man in Prag oder Wien zögert, dieses Siegel zu drücken, desto mehr Kaufleute gewöhnen sich daran, den Umweg über Halle gar nicht erst zu nehmen.“ Ich konnte ihm wenig entgegnen, was er nicht selbst schon wusste; es blieb bei einem stillen Kopfnicken zweier Männer, die ihre Stadt lieben und sie doch mit klaren Augen altern sehen.