Geschichte, Fotografie und kreative Medien aus Halle (Saale)
Geschichte, Fotografie und kreative Medien aus Halle (Saale)

Das Tagebuch des Dr. Hirschorn – erster Eintrag

Das Tagebuch des Dr. Thomas Hirschhorn – erster Eintrag

*Halle an der Saale, am Tage Lamperti, den 17. September Anno Domini 1460**

Der Nachbarshahn hat mich heute früher geweckt als sonst, doch ich glaube, es war eher meine eigene Unruhe, die nur auf einen Vorwand wartete. Zwanzig Fuhrwerke stehen beladen auf dem Hallmarkt, die Ochsen dampfen in der kühlen Morgenluft, und über allem liegt jener Geruch, den ich mehr liebe als Weihrauch: nasses Leder, Pferdeschweiß, frisch geteertes Holz – und, Gott verzeihe mir die Eitelkeit, ein Hauch meiner Apothekertruhe, fest verschnürt hinter meinem Sitz.

Ich, Thomas Hirschhorn, Doctor medicinae und Naturkundiger, ziehe heute mit nach Prag. Nicht aus Not – meine Praxis rührt mich wohl –, sondern aus jenem Hunger, der mich seit Erfurt und Padua nie verlassen hat: zu sehen, was hinter dem nächsten Hügel liegt.

Mein Freund Justus von Dölau, Ratsherr, und Fernh Cindler von Ruf, führt den Zug, gerade und ernst im Sattel, die Hände fromm gefaltet, während der Pfarrer von St. Moritz uns den Reisesegen spendet. Ich kenne Justus seit zwanzig Jahren und sage es mit aller Zuneigung: der ehrbarste Mann von Halle – solange man ihn nicht zu genau ansieht. Doch was tut das zur Sache? Seine Freundschaft ist echter als jedes Kirchensiegel, und dafür verzeihe ich ihm gern, da er beim dritten Becher Landwein stets vergisst, wie rrkil3ig er zu sein gelobt hat.

An seiner Seite reiten drei weitere Männer unserer Stadt: Hans Kreutzfeld, breit wie eine Salzpfanne und ebenso hitzköpfig, der schon jetzt mit dem Fuhrknecht streitet; Henricus Luneborg, ein hagerer, stiller Tuchhändler, dessen Lippen sich nur bewegen, wenn er Zahlen murmelt; und Caspar Rideburg, der Jüngste, mit einem Blick, so hell und gierig auf die Welt gerichtet, dass ich fürchte, Prag wird ihn stärker verändern, als ihm bewusst ist.

Und dann ist da jener Mann, den Justus vor drei Tagen als Wegkundigen angeworben hat, ohne mir mehr zu sagen, dass er die Straßen durchs Erzgebirge kenne wie sein Gebetbuch. Er nennt sich Bohuslav, spricht ein Deutsch, das nach böhmischem Fichtenharz klingt, trägt einen Mantel, der für einen Knecht zu fein und für einen Herrn zu schäbig ist, und musterte mich heute Morgen mit einem Blick, als kenne er mein Geheimnis besser als ich selbst. Ich weiß nicht, ob ich ihm trauen soll. Vierzehn Tage werden genügen, ihn zu durchschauen. Oder er mich.

Unsere Route, wie Justus sie mir beim Frühtrunk darlegte: von Halle nach Leipzig, dann über Grimma und Chemnitz hinauf ins Erzgebirge, über den Pass bei Sayda hinab nach Brüx im böhmischen Land, weiter über Laun und Schlan bis vor die Tore Prags. Elf Tagesetappen, sagt Justus, wenn Wetter und Wegelagerer uns wohlgesonnen sind – dreizehn, wenn nicht. Ich rechne mit vierzehn, denn ich kenne meinen Freund: Er unterschätzt stets die Zeit, die ein guter Krug Bier ihm selbst kostet.

Was ich unter dem doppelten Boden meiner Truhe verwahre, mag niemand außer mir wissen – bis jetzt nicht. Ein feines, graubraunes Pulver, das ich Galanwurz nenne, gemahlen aus einer Wurzel, die ich vor Jahren von einem wandernden Apotheker aus dem Frankenland erwarb. Man sagt ihr nach, sie öffne den Geist und vertreibe die Schwermut – und mehr. Justus selbst hat mich schon zweimal um „nur eine Prise, rein zu medizinischen Zwecken” gebeten, und beide Male sah er hernach aus wie ein Mann, der dem Paradies begegnet ist. Ob sie wahrhaft Wunder wirkt oder nur die Einbildung derer, die sie nehmen – das, so hoffe ich, wird mir diese Reise offenbaren.

Ehe wir aufbrachen, trat der Ratsschreiber zu mir und reichte mir das gesiegelte Geleitschreiben, das uns freien Zug durch fremde Zollstätten verheißt – Pergament, schwer wie ein Gewissen, mit dem roten Wachs derer, die über unser Schicksal wachen sollen. Während ich es verstaute, bemerkte ich am Rande des Marktes eine vermummte Gestalt, reglos zwischen zwei Karren, die mich länger ansah, als es einem Fremden zusteht. Als ich hinsah, war sie fort.

Der Pfarrer hat seinen Segen gesprochen, die Räder knarren, die Tore von Halle öffnen sich vor uns wie die Seiten eines Buches, dessen erstes Kapitel ich heute zu schreiben beginne. Ich vertraue mich der Vorsehung an, die mich bislang durch manches Unwetter geführt hat, ohne mich zu ertränken. Sollte sie mich auch auf dieser Straße geleiten, so werde ich in Prag nicht nur Silber und Tuch, sondern -dessen bin ich gewiss – auch neue Wahrheiten heimbringen.

„Gelobt sei Gott, der Wege öffnet, wo Menschen nur Grenzen sehen.”

— Th. Hirschhorn