Geschichte, Fotografie und kreative Medien aus Halle (Saale)
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tavene laengs

Das Tagebuch des Dr. Hirschhorn – zweiter Eintrag

Leipzig, am Abend des Tages Lamperti, den 17. September Anno Domini 1460

Ehe ich vom Weg selbst berichte, muss ich eine Szene festhalten, die sich mir tiefer eingeprägt hat als alle Ochsen und Fuhrwerke zusammen. Am Moritztor, wo die Straße sich zum letzten Mal verengt, ehe sie ins offene

Land hinausfließt, stand Justus’ Weib, Anna Schadin, mit den drei Kleinen an ihrem Rock: Mathilda, ernst wie eine kleine Äbtissin, hielt ihren Bruder

Friedrich an der Hand, während der jüngste, Ansgar, kaum dem

Krabbelalter entwachsen, laut nach dem Vater brüllte, als gelte es, ihn mit der Kraft seiner Lungen festzuhalten. Justus stieg ab – was er, wie ich weiß, nur für sehr wenige Menschen auf dieser Welt tut –, kniete im Straßenstaub nieder und ließ sich von Ansgar dreimal über die Nase fahren, ehe er ihn seiner Mutter zurückreichte. Zu Anna sprach er leise, ich verstand nur „vor Martini” und „sei ohne Sorge”, und sie nickte, mit jenem Lächeln, das Frauen für ihre Männer bereithalten, wenn sie längst gelernt haben, dass Sorge ohnehin nichts ändert.

Von Johannes, seinem Ältesten aus erster Ehe, war indes nichts zu sehen – und das will bei einem Mann, der seinem Vater sonst bis vor die Stadtmauer nachzureiten pflegt, etwas heißen. Auf meine beiläufige Frage hin erklärte Justus, der Junge habe das Kontor zu hüten und die Bücher zu führen, „da einer von uns beiden mit klarem Kopf daheimbleiben muss”. Das mag wahr sein, und doch entging mir nicht, wie kurz und rasch er es sagte, als wolle er das Thema eher begraben als beantworten. Ich kenne diesen Blick von Patienten, die mir eine Wunde verschweigen, aus Scham oder aus Furcht, ich könnte hineinschauen. Nun, vierzehn Tage sind eine lange Zeit für Vermutungen; ich beabsichtige, sie mir für später aufzuheben.

Dann endlich setzte sich der Zug in Bewegung, und mit ihm mein Herz, das seit Wochen wie ein ungeduldiges Fohlen im Stall gescharrt hatte. Der Himmel über uns zeigte sich von seiner gnädigsten Seite: hoch, blassblau, mit Wolken, die eher wie hingetupfte Gedanken Gottes wirkten denn wie Vorboten von Regen. Die Fuhrleute hatten die Ladung noch einmal nachgezurrt, ehe wir die Stadt verließen, und ich hörte Hans Kreutzfeld drei Stricke prüfen, die schon prüfend genug gewesen wären, um eine Kirchenglocke zu halten. Nichts rutschte, nichts klapperte lose – ein gutes Zeichen, wie mein verstorbener Lehrmeister in Padua zu sagen pflegte:

„Ein Wagen, der schweigt, bringt seine Fracht heil an.”

Kaum eine Stunde außerhalb der Stadtmauern, in dem kleinen Dorf

Reideburg, wartete schon einer, den Justus seit seiner Jugend kennt: der Wirt zum Schwarzen Eber, ein rundlicher Mann mit einer Stimme wie ein geborstenes Kirchenfenster, der uns mit einem Fass Dünnbier auf der Straße empfing, „damit die Heiligen sehen, dass ihr nüchtern genug reist, um noch zu beten, und heiter genug, um es gern zu tun”. Wir tranken im Stehen, die Zügel in der einen, den Becher in der anderen Hand, und ich gestehe, dass mir der erste Schluck des Tages nie so gut geschmeckt hat wie an jenem Straßenrand, mit Halle schon halb hinter dem Horizont versunken.

Von unserer Reisegesellschaft will ich nun mehr sagen, da ich in den ersten Stunden reichlich Gelegenheit hatte, sie zu mustern. Acht bewaffnete Söldner reiten mit uns, angeführt von einem narbigen Schweizer namens Velten, dessen Schwert so oft gewetzt scheint wie mein eigenes Skalpell – ein Anblick, der mir, so seltsam es klingt, mehr Ruhe schenkt als Sorge bereitet. Bis auf den jungen Caspar Rideburg sind alle Kaufleute unserer Gruppe alte Weggenossen des Justus, Männer, die schon drei-, viermal mit ihm nach Prag oder Nürnberg gezogen sind und die Straße besser kennen als mancher Priester sein Brevier. Caspar hingegen reist zum ersten Mal in solcher Gesellschaft, und man sieht es ihm an: Er sitzt im Sattel, als wolle er ihn umarmen, und blickt in jede Richtung zugleich, als fürchte er, etwas Wunderbares zu versäumen, sähe er nur eine Sekunde lang nicht hin.

Dabei ist er, muss ich sagen, der lustigste Kopf unter uns allen. Als Hinricus Luneborg klagte, die Sonne stehe ihm zu grell im Gesicht, rief Caspar ihm zu, er solle sich doch hinter seinen eigenen Zahlen verstecken: „Die sind ja bekanntlich schattig genug, Meister Hinricus, dass selbst der Teufel darin die Übersicht verliert”. Noch köstlicher traf es mich selbst: Als ich meine Truhe ein weiteres Mal auf Justus’ drängende Bitte hin öffnete, um ihm etwas gegen seinen Reisekopfschmerz zu reichen, rief Caspar über die ganze Kolonne hinweg, man solle mich in Ehren halten, denn „ein Hirschhorn vertreibt bekanntlich alles Gift dieser Welt – wie gut, dass wir gleich den ganzen Doktor mitführen und nicht bloß das Geweih!” Selbst Justus, dem an jenem Morgen wenig zum Lachen war, musste den Kopf schütteln und grinsen.

Diese Heiterkeit sollte uns bald gut zu statten kommen. Kurz vor Schkeuditz führt der Weg durch einen jener Hohlwege, wie sie in dieser Gegend nicht selten sind: zu beiden Seiten hohe, von Wurzeln durchzogene Lehmwände, kaum breit genug für zwei Wagen nebeneinander, und genau dort, an der engsten Stelle, kam uns ein fremder Tross entgegen – schwer beladene Karren, ein gutes Dutzend, mit eigenen bewaffneten Begleitern, die uns mit ebenso wenig Freude musterten wie wir sie. Für einen langen Atemzug stand die ganze Straße still, und ich hörte, wie Hans Kreutzfeld hinter mir bereits nach seinem Messer tastete.

Doch ehe irgendjemand aus unseren Reihen ein unbedachtes Wort verlieren konnte, ritt Justus voran, langsam, ohne jede Hast, als sei ihm die Zeit selbst untertan. Er grüßte den Anführer des fremden Zuges mit einer Höflichkeit, die keinen Zweifel daran ließ, wer hier das Sagen hatte, erkundigte sich nach dessen Woher und Wohin, lobte, wie es sich gehöre, dessen Ochsen, und schlug dann, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, vor, dass die leichteren unserer Wagen zurückweichen sollten, während die schwerbeladenen des

Fremden die schmale Passage in einem Zug durchführen. Keine Faust wurde gehoben, kein Schwert gezogen; binnen einer Viertelstunde rollten beide Züge weiter, jeder in seine Richtung, und ich atmete auf wie einer, dem man einen Stein vom Brustkorb genommen hat. Ein Mann, der einen Hohlweg mit Worten öffnet, dachte ich, ist mehr wert als zehn Söldner – und behielt es klugerweise für mich, ehe Velten es hörte.

ln dieser Erleichterung geschah etwas, das mich beinahe mehr überraschte als der Vorfall selbst: Bohuslav, unser schweigsamer Wegkundiger, ritt an meine Seite und sprach mich an – zum ersten Mal aus eigenem Antrieb. Er fragte nach meiner Truhe, nicht misstrauisch, sondern mit der Neugier eines Mannes, der selbst einiges von Kräutern zu verstehen scheint, und wir sprachen eine gute halbe Meile lang über Wurzeln, Wetterzeichen und die Frage, ob ein Landstrich einen

Menschen forme oder ob er nur zeige, was längst in ihm war. Er lacht selten, aber wenn, dann mit den Augen zuerst. Ich weiß noch immer nicht, was ich von ihm halten soll, doch mein Argwohn hat sich um ein gutes Maß verringert, und dafür bin ich dankbar, denn ein vierzehntägiger

Argwohn ist eine schwere Last für ein Doktorgemüt, das ohnehin genug an fremden Leiden zu tragen hat.

Gegen Abend erreichten wir Leipzig von Westen her und fanden

Unterkunft in einer geräumigen Ausspanne vor den Toren, deren Wirt – wie hätte es anders sein können – ebenfalls ein alter Bekannter des Justus ist, ein hagerer Mann mit einem Lachen, das lauter ist als seine Stimme. Die Ochsen wurden versorgt, die Wagen in einem geschlossenen Hof verwahrt, und während die Söldner das Lager sicherten und die jüngeren Kaufleute sich um Caspars neueste Schnurren scharten, setzten Justus und ich uns an den Herd, jeder mit einem Krug Leipziger Bier, das, wie er behauptete, „dem hallischen Bier ebenbürtig sei, was freilich eine Lüge ist, die man nur unter Freunden ausspricht”. Wir sprachen von diesem und jenem, von Anna und den Kindern, von seinem Vater, den er nie erwähnt, ohne dabei zu lächeln, und von der Torheit, in unserem Alter noch immer zu meinen, man müsse die Welt mit eigenen Augen prüfen, ehe man ihr glaube. Die Kerze war schon halb heruntergebrannt, als wir uns schließlich, lachend über eine Torheit, die ich hier lieber nicht niederschreibe, zur Ruhe begaben.

„Wer den ersten Hohlweg unbeschadet durchmisst, dem traut der Herrgott wohl den ganzen Weg zu.”

— Th. Hirschhorn

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