Die Predigt
Sayda, am Abend des 23. September Anno Domini 1460
Ich erwachte vor dem ersten Hahn, was bei mir selten vorkommt und meist nichts Gutes bedeutet. Doch als ich den Fensterladen der Kammer aufstieß, lag Sayda in einem Nebel von der Farbe junger Butter, durch den die Sonne wie durch ein gegerbtes Fell schien, und alles, was ich sah, war golden: die Schindeln, die Zäune, die nassen Rücken der Ochsen im Hof, selbst der Misthaufen. Unten rief ein Hahn, ein zweiter antwortete, ein dritter widersprach, und von den Hängen jenseits der Stadt drang, tief und ruppig wie das Räuspern eines Domherrn, das Röhren eines Hirsches herüber, der sich, wie mir scheint, die Brunftzeit nicht von einem Wagenzug verderben lassen will. Ich stand lange da, in Hemd und Zipfelmütze, und tat, was ein Mann meines Alters bei einem solchen Anblick tun sollte: Ich suchte den Haken.
Denn sieben Tage sind wir nun unterwegs, und ich zähle an Unglücken: einen Hohlweg, der sich mit Worten öffnete, eine gebrochene Achse, einen Sumpf, den Bohuslav uns trockenen Fußes durchwies, ein Gefecht, aus dem wir bis auf zwei Verwundete unversehrt hervorgingen, einen Zöllner, der zum Geschäftspartner wurde, und einen Ziegenbalg, der zum Gespenst ernannt und wieder abgesetzt wurde. Das ist, nüchtern besehen, ein Reisebericht, den jeder Kaufmann in Halle seinem Rat mit Stolz vortragen würde. Der Arzt in mir jedoch weiß, dass ein Patient, dem es zu lange zu gut geht, entweder genesen oder gerade im Begriff ist, es nicht mehr zu sein.
Die Kaufleute führen den Verlauf gern auf ihre hansischen Tugenden zurück, und ich habe sie in diesen Tagen so oft aufzählen hören, dass ich sie auswendig kann: Wagemut, Risikobereitschaft, Berechenbarkeit, Verlässlichkeit. Mir fiel heute Morgen zum ersten Mal auf, dass die beiden ersten und die beiden letzten sich verhalten wie Hund und Katze im selben Sack. Wer wagemutig ist, kann nicht berechenbar sein, und wer verlässlich ist, wird sich schwer in Gefahr stürzen. Dass man sie dennoch in einem Atemzug nennt, deutet darauf hin, dass der ehrbare Kaufmann kein Mensch ist, sondern ein Kunststück, das man täglich neu aufführen muss, wie ein Gaukler mit vier Bällen und nur zwei Händen. Ob Justus es aufführt oder ob er es ist, wollte ich wissen, und weil ich dergleichen nicht vom Fenster aus entscheiden kann, zog ich mich an und ging hinunter.
Ich fand ihn im Hof, in Hemdsärmeln, die Haare noch vom Kamm verschont, den Fuß eines Zugochsen zwischen den Knien. Er hob die Klaue gegen das Licht, pfiff leise durch die Zähne und winkte einen Knecht heran, dem er mit dem Daumen auf einen Riss im Horn wies, den ich ohne Brille und Anleitung für eine Laune der Natur gehalten hätte. Er ging von Wagen zu Wagen, tastete die Achsnägel ab, schlug mit dem Knöchel an die Reifen, hörte auf den Klang wie ein Arzt auf einen Brustkorb, ließ Talg auf die Naben streichen und zählte die Stricke so laut, dass die Fuhrleute ihn für verrückt halten mussten. Am nächsten Tag, sagte er mir, ohne aufzusehen, werde man zwölf Meilen hinaufsteigen bis auf die Passhöhe an der Grenze nach Böhmen, auf fast siebenhundert Meter, und dort verzeihe das Gebirge keinen Fehler, den man in der Ebene noch mit einem Fluch beheben könne. Er habe darum beim Zöllner zwei Paar Vorspannochsen aus Sayda bestellt, „und Gott gebe, dass sie mehr Verstand haben als der Ochsenhändler“.
Ich sah ihm eine Weile zu und dachte: „Dies ist kein Mann, der Glück hat. Es ist ein Mann, der den Zufall mit so viel Aufmerksamkeit füttert, dass er ihm gehorcht. Es war ein schöner Gedanke, und er hielt genau so lange, bis Justus sich aufrichtete, mich ansah und fragte, ob ich gut geschlafen habe, in einem Ton, als erkundige er sich in Wahrheit nach einer ganz anderen Sache. Ich antwortete, wie ein Arzt antwortet: mit einer Gegenfrage. Er lachte. Ich gestehe, dass ich vor dem Frühmahl, in der Kammer, die Pulverdose gewogen habe, soweit man mit einem Daumen und einem Löffel wiegen kann. Es fehlt, soweit ich es beurteilen kann, ein wenig mehr als ein Fingernagel. Entweder hat sich mein Maß im Wein verlaufen, oder mein Freund hat sich ein zweites Mal geholt, was er nicht zu holen versprach. Ich habe beschlossen, zunächst an mein Maß zu glauben.
Zum Gottesdienst gingen wir, wie es sich für Reisende an einem Ruhetag gehört, geschlossen und gewaschen, die Söldner mit blank geriebenen Stiefeln, Velten bleich wie Käse und mit einem Blick, als sei ihm sein eigener Name kurzzeitig abhandengekommen. Er wusste, wie ich vorhergesagt hatte, von nichts, nur dass er sich, wie er murmelte, „wundersam leicht ums Herz“ fühle und Justus seit dem Aufstehen mit einer Freundlichkeit anschaue, die diesem sichtlich zu schaffen machte.
Auf dem Weg zur Kirche, die oben am Markt thront wie eine Glucke, erzählte uns Elisabeth, bei der alles zur Auskunft gerät, was sie im Gehen sagt, von ihrem Prediger. Man nennt ihn Pater Gottschalk Ohrenbläser, und ich vermute, dass er sich den Namen nicht selbst gegeben hat. Er sei, so berichtete sie, vor Jahren Abt eines Klosters gewesen, über dessen Namen man in Sayda nur flüstert, und habe dort eine Sünde begangen, die so groß gewesen sein müsse, dass man sie nicht einmal bei der Beichte ausspreche. Man habe ihn entkleidet, entehrt und zum schlichten Prediger gemacht, hier, am Rand der Welt, wo er sich, wie man sagt, mit dem Bischof von Prag so gut stehe, dass er jederzeit Briefe schreiben könne, die in der Domkanzlei früher gelesen würden als die des Papstes. Was aber die Leute von Sayda an seiner Kanzel hielte, sei nicht die Frömmigkeit, sondern ein Talent. Der Pater wisse, was seine Gemeinde beichte, und er verstehe, es in seine Predigten einzuflechten, in Gleichnissen, Fabeln und Beispielen, so kunstreich, dass sich der Betroffene unfehlbar wiedererkenne und der Rest der Gemeinde, ohne zu wissen, wer gemeint sei, vor Vergnügen den Atem anhalte. „Man geht in Sayda nicht zur Kirche, um Gott zu hören“, sagte Elisabeth trocken, „sondern um nachzusehen, wem sonst noch die Ohren brennen.“
Ich blieb stehen. „Er verrät das Beichtgeheimnis?“ „Er verrät es nie“, sagte sie. „Er verziert es nur.“ Ich fragte, wie ein Mann, der es gewissenhaft hüte, dergleichen wissen könne, wenn nicht durch den Beichtstuhl, und Elisabeth zuckte die Schultern, dass die Schlüssel klirrten. Ich bemerkte, dass sie Caspar dabei ansah, der gestern, am Sonnabend, noch zur Beichte gegangen war, mit einem Ernst, der zu seinen Jahren und seinem Mundwerk nicht passte, und der drinnen so lange geblieben war, dass Hans Kreutzfeld im Hof schon gewettet hatte, der Junge beichte die Sünden seiner gesamten Sippe seit Karl dem Großen. Caspar, so jung, so fromm, so entsetzlich redselig auch vor Gott, wurde rot und fragte, ob man nicht besser die Ochsen segnen lassen solle. Ich begann zu ahnen, dass dies kein gewöhnlicher Sonntag werden würde, und habe, wie meist, die Ahnung höflich beiseite geschoben.
Drinnen war die Kirche so voll, wie ich es nicht einmal in Padua zum Karfreitag gesehen habe. Man hatte uns, die Fremden, in eine der vorderen Bänke gesetzt, Rücken an Rücken mit dem Rat der Stadt, und ich bemerkte, dass der Zöllner, ein kleiner Mann mit einem Gesicht wie ein getrockneter Apfel, ganz hinten in einem Winkel saß, den Hut vor dem Gesicht und die Schultern hochgezogen, als erwarte er ein Gewitter. Ich schob es auf die Kälte. Weihrauch zog durch das Schiff, ein Kind weinte, eine Hündin lag vor dem Altar und wurde vom Küster, der es gewohnt schien, mit dem Fuß beiseite geschoben. Dann trat Pater Gottschalk an die Kanzel.
Ich muss ihn schildern, denn man vergisst ihn nicht. Er ist groß, aber er trägt seine Größe nach vorn gebeugt, wie ein Mann, der sich ständig zu jemandem hinabneigt, um ihm etwas ins Ohr zu sagen, und er hat Ohren, von denen ich als Arzt mit Neugier sagen muss, dass sie in ihrer Länge und Rundung die Bezeichnung Henkel verdienen. Die Stimme, die aus diesem Gesicht kam, war weich wie warmer Honig, und gerade dadurch schärfer als jeder Schrei. Er sprach zunächst vom Samen, der auf steinigen Boden falle, dann vom guten und vom schlechten Hirten, und ich ließ mich schon einlullen, als er mit einem Satz, der so harmlos klang wie ein Gruß, begann: „Es zog einmal ein junger Hahn aus einer Stadt an der Saale in die Welt hinaus, mit einem Weibchen, das er unterwegs aufgelesen hatte, und sie teilten – man spricht ungern davon, liebe Brüder und Schwestern – in einem Wagen mit Pelzballen das Nest.“
Ich spürte, wie Caspar neben mir erstarrte. Die Bänke vor und hinter uns drehten sich, mit jenem leisen Rascheln, das hundert Köpfe machen, die zugleich jemanden anzusehen versuchen und es nicht zeigen wollen. Margarethe saß, den Rücken gerade wie ein Besenstiel, zwei Plätze weiter, und ich sah, wie sich ihre Finger in den Saum ihres Umhangs gruben.
Der Pater fuhr unbeirrt fort. Von einem Söldner sprach er, einem Gesellen aus den Bergen jenseits des Rheins, der im Rausch eines Festes um ein Haar der Unzucht verfiel mit dem Anführer eines Zuges, „und nur der Schlaf, liebe Gemeinde, nur der Schlaf bewahrte die Welt vor dem Ärgsten“. Hinter mir ächzte Hans Kreutzfeld, als bekomme er eine Faust in den Magen. Velten starrte mit offenem Mund in die Luft, als suche er dort einen Namen für das, was er in der Nacht getan haben könnte. Dann kam der Anführer selbst an die Reihe, ein Mann von Ehre, wie der Pater sagte, „ehrbar, wie ein Becher es ist, solange er nicht überläuft“, der maß- und sittenlos dem Wein und anderen Verlockungen anhänge, auf Reisen mehr als daheim, und der es, was ein Skandal sei, versäumt habe, vor Gott, seinem Weibe und dem Rat seiner Stadt zu beichten. Ich sah, wie Justus die Hände auf den Knien faltete, ruhig, so ruhig, dass es mir Angst machte.
Und dann, mit einem Blick, der mich, ich schwöre es, wie ein Pfeil traf, kam der Doktor. Ein Arzt, rief der Pater, nein, ein falscher Prophet, der in einer Truhe, die des Nachts ächze wie die armen Seelen im Fegefeuer, ein Pulver führe, mit dem er fromme Menschen zu Narren und zu Sündern mache, ein Gaukler im Gewand des Gelehrten, der Gift mit Gelehrsamkeit mische und aus der Liebe ein Gebräu: ein Antichrist, liebe Gemeinde, ein Antichrist auf dem Weg nach Prag! Ich muss gestehen, dass mein erster Gedanke nicht der Entrüstung galt, sondern der Frage, wie ein Mann in Sayda wissen könne, dass meine Truhe ächzt, die doch erst seit gestern Abend, genauer: seit gestern Morgen, ein Ziegenbalg heißen darf. Mein zweiter Gedanke galt dem Pulver, von dem außer mir nur ein halbes Dutzend Menschen wussten, und ich sah mich in der Kirche um, in der Hoffnung, ein Gesicht zu finden, das sich verriet. Am Seitenportal, im Schatten einer Säule, stand eine vermummte Gestalt, die sich, als mein Blick sie streifte, ohne Hast zum Gehen wandte. Vielleicht ein Pilger. Vielleicht ein Dieb, der die Kollekte plante. Ich habe es in dieses Tagebuch geschrieben, damit ich es in Prag nicht vergesse.
Als der Pater endlich das Amen sprach, war die Kirche so still, dass man das Schnaufen der Hündin am Altar hörte. Dann brach es los. Hans Kreutzfeld sprang auf, die Fäuste so groß wie Brotlaibe, und rief etwas, das ich hier nicht niederschreiben will, weil es der Gottesdienst nicht verdient. Caspar stand bleich mit gesenktem Kopf, Margarethe dagegen war aufgestanden und sah dem Pater gerade ins Gesicht, wie man einen Händler ansieht, der einem faule Ware verkaufen will. In diesem Augenblick hatte Justus, ohne Hast, als gehe es um nichts, Hans an der Schulter gefasst und so weit herabgedrückt, dass dieser, ohne zu wissen wie, wieder auf der Bank saß. Von der anderen Seite kam Elisabeth, mit dem Schlüsselbund wie mit einer Standarte, ging durch den Mittelgang, als sei er ihr Eigentum, und verkündete mit ihrer Wirtinnenstimme laut und heiter, dass die Suppe in der Ausspanne gar sei, für jeden, der sie wolle, ohne Bezahlung, „denn wer eine solche Predigt überstanden hat, der hat sie verdient“. Es war, als habe man einem Kessel den Deckel gelüftet. Aus dem Zorn wurde ein Gedränge, aus dem Gedränge ein Gelächter, und binnen zehn Atemzügen schob sich die halbe Gemeinde zum Ausgang, mehr getrieben vom Hunger als von Frömmigkeit.
Justus aber, das habe ich gesehen, blieb am Portal stehen und verneigte sich vor dem Pater, der mit seinen großen Ohren am Kirchentor stand wie ein Wirt, der sich auf Trinkgeld freut. Er sagte etwas, leise, mit einem Lächeln. Ich konnte es nicht verstehen. Aber ich sah, wie das Lächeln des Paters für einen Atemzug in sich zusammenfiel, so wie ein Kuchen zusammenfällt, wenn jemand die Tür aufstößt, und ich fragte mich, wie viele Geheimnisse mein Freund in der Tasche trägt, von denen ich nichts weiß, und ob eines davon den Namen eines Klosters trägt.
Beim Mittagsmahl in der Ausspanne, bei dem keiner viel aß, war Caspar der Erste, der das Schweigen brach. Er stand auf, bleich und gerade, und erklärte, dass er und Margarethe noch am folgenden Morgen nach Leipzig zurückkehren würden, in ihre Heimatstadt, um sich dort, vor den Augen ihrer Verwandten und eines ordentlichen Priesters, zu verloben und in drei Wochen zu heiraten. Er sagte dies zu Justus, nicht zu uns, und seine Stimme zitterte nur an einer Stelle. Margarethe, die neben ihm saß, ließ ihn ausreden, nickte dann und fügte, mit einem Seitenblick, der keinen Widerspruch duldete, hinzu: „Wenn ich schon einen Skandal haben muss, dann einen, dessen Ende ich selbst bestimme.“ Hans Kreutzfeld, den dies nicht zu beruhigen schien, fragte, ob man sich vor Gott fürchten müsse oder vor dem Pater, und niemand wusste zu antworten. Ob in dem, was der Pater sagte, ein Kern Wahrheit lag, wage ich nicht zu beurteilen. Caspars Ohren waren so rot wie sein Wams, und Margarethes Gesicht verriet so wenig wie eine verschlossene Truhe. Wir kennen beide Truhen. Sie haben das gemeinsam.
Caspars Waren und Margarethes Pelzballen, die sie nicht mit nach Leipzig schleppen wollten, übergaben sie Justus zur Verwahrung, und dieser nahm sie mit der Miene eines Mannes entgegen, der eine Erbschaft antritt, die er nicht wollte. Er rechnete mir später vor, dass er nun für beinahe doppelt so viele fremde Güter hafte wie am Morgen, und dass kein Rat der Welt solche Haftung einem Kaufmann zumute, ohne ihn zuvor zu einem Heiligen zu erklären.
Am Nachmittag erwarteten wir die Zollinspektion, und ich glaube, Justus hat selten mit so viel Würde und so wenig Zuversicht auf einen Beamten gewartet. „Nach dieser Predigt“, sagte er, „dreht uns der Zöllner die Taschen um, bis der Kaiser selbst weint, und wir kommen als Bettler nach Prag.“ Es kam, wie so oft, anders. Der kleine Mann mit dem Apfelgesicht erschien pünktlich, setzte sich an einen Tisch im Hof, schlug sein Buch auf und prüfte unsere Papiere mit einer Gründlichkeit, die an Verzweiflung grenzte, und an nicht einem Gramm Salz, nicht an einem Ballen Tuch fand er mehr zu rügen, als das Gesetz ihm erlaubte. Als er geendet hatte, nahm er die Kappe ab und sagte, leise, dass man es kaum hörte: „Im Frühjahr hat der Herr Pater von einem Zöllner erzählt, der zu Ostern die Waage mit dem Daumen führe. Ich hatte, bei Gott, nur einmal einen Krampf in der Hand.“ Seither, fügte er hinzu, heiße er in Sayda Meister Daumen, und er werde sich bis zu seinem Lebensende bemühen, kein Gramm zu viel oder zu wenig zu berechnen, damit es keiner Predigt mehr gelinge, ihm einen zweiten Namen zu verleihen. Justus sah ihn lange an, drückte ihm die Hand, und ich sah in seinen Augen, dass er nicht wusste, ob er lachen oder weinen sollte. Es kostete uns nicht einen Pfennig mehr, als der Satz verlangt. Es war, mit Verlaub, der erste ehrliche Zoll meines Lebens.
Die Dämmerung hatte schon die Dächer erreicht, als Elisabeth uns beide, Justus und mich, zu sich rief. Sie führte uns in den Erker ihrer Schenke, einen kleinen, gewölbten Raum mit bunten Scheiben, in dem ein einzelner Tisch und eine Bank standen, so still und rot erleuchtet, dass man sich in einer Kapelle glaubte, die nur versehentlich Bier ausschenkte. Sie stellte drei Becher hin, goss selbst ein, ohne einen von uns zu fragen, und hob ihren. „Auf den Abschied“, sagte sie, „der keiner ist, weil ihr morgen aufbrecht und ich euch doch nicht losbekomme.“
Dann sah sie Justus an, und nun fehlte ihrem Blick alles Scharlachfutter und alle Spitzbübigkeit. „Du erzählst es deiner Anna“, sagte sie, „was immer es ist, bevor es der Wind tut. Der Wind erzählt es schlechter als du, und er erzählt es zur falschen Stunde.“ Justus öffnete den Mund, schloss ihn, nickte. Es war das erste Mal auf dieser Reise, dass ich meinen Freund ohne Antwort sah.
Mich aber sah sie länger an, und ich spürte die Tinte an meinem Daumen, als hätte man sie dort entdeckt. „Und du, Doktor, schreibst zu viel auf und sagst zu wenig. Papier schweigt nicht ewig, nur länger als Menschen. Ein Geheimnis, das du selbst erzählst, ist eine Geschichte; eines, das ein anderer erzählt, ist eine Waffe. Such dir jemanden, dem du den Rücken zukehren würdest, und erzähl es ihm, ehe die Kanzel es tut.“
Ich hätte gern gefragt, welches Geheimnis sie meine. Aber sie hatte den Becher bereits geleert und stand auf, und die Scheiben des Erkers färbten ihren Rücken blau und rot, und ich sah dabei Bohuslav in der Tür stehen, der eben hereinkommen wollte und sich, kaum sah er uns, wieder abwandte, ohne dass einer von uns ihn gerufen hätte.
Ich schreibe dies bei einer Kerze, die Truhe zu meinen Füßen, still wie ein Grab. Morgen geht es hinauf, auf die Passhöhe, mit vier Ochsen mehr und zwei Reisenden weniger. Ob Pater Gottschalk Ohrenbläser ein Narr ist, ein Heiliger oder etwas Schlimmeres, weiß ich nicht. Nur eines weiß ich: Er hat in einer einzigen Stunde mehr über uns gewusst, als wir in sieben Tagen voneinander erfahren haben, und das ist, wenn man es als Arzt betrachtet, weniger eine Verleumdung als eine Diagnose.
*„Wer das Gerücht fürchtet, hat meist selbst die Wahrheit gesät; wer es verlacht, hat sie schon geerntet.“*
*— Th. Hirschhorn*
