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Tagebuch des Dr. Hirschhorn – Siebenter Tag

Sayda, am Abend des 22. September Anno Domini 1460

Justus war an diesem Morgen von einer Munterkeit, die einem Arzt Sorge machen muss. Er sattelte sein Pferd selbst, was er sonst den Knechten überlässt, kämmte sich beim Frühmahl mit den Fingern das Haar, ein Vorgang, den ich in zwanzig Jahren Freundschaft nur vor Ratssitzungen und Hochzeiten beobachtet habe, und sah mich dabei mit dem Blick eines Mannes an, der einen Gedanken nicht loswird, den ich ihm gestern Nacht gleichsam selbst in die Tasche gesteckt hatte. Ich gestehe, dass meine Erklärung zur Galanwurz mir im Nachhinein weniger klug erscheint als beim Kerzenschein. Wer einem Kaufmann auf Reisen von einer Wirkung erzählt, die den Menschen der ersten erblickten Person in die Arme wirft, darf sich nicht wundern, wenn dieser Kaufmann am nächsten Morgen die Landkarte mit anderen Augen liest.

Denn kaum standen die Wagen angeschirrt im Hof, trat Justus auf die Stufen der Ausspanne, hob die Hand und verkündete der versammelten Gesellschaft mit jener Stimme, die er sonst für Zollverhandlungen reserviert, der heutige Tag führe uns nach Sayda an die alte Zollstelle, wo man uns erwarte, einen Ruhetag gewähre und, wie er mit fast unziemlicher Wärme hinzufügte, „die beste Ausspanne zwischen Halle und Prag“ bereithalte. Ich wusste, wer sie führt. Elisabeth, die Schwester von Annas Bruder, verwitwet seit zwei Jahren, nachdem dieser an einer Blutvergiftung gestorben war, die ein Splitter und eine Woche Stolz verursacht hatten. Sie gilt in der ganzen Gegend als eine Frau, die ein Wirtshaus mit der Hand eines Feldherrn und dem Herzen eines Spielmanns leitet. Und ich wusste auch, dass Justus bei Liebesdingen auf Reisen nicht immer der keusche Ratsherr gewesen war, als der er sich in St. Moritz zeigt, sondern ein Mann, der die Freuden des Weges gelegentlich, wie soll ich es sagen, ausgiebig zu würdigen verstand. Die zweite Wirkung der Galanwurz, so schien mir, hatte er seit Mitternacht nicht aus dem Kopf bekommen.

Ich konnte nicht umhin, die Gelegenheit zu begrüßen, als Hans Kreutzfeld, Hinricus Luneborg und der junge Caspar, die drei Hallenser Kaufleute unter uns, einander zunickten und der Reihe nach das Pergament hervorzogen, das wir alle in der Tasche tragen und kaum je lesen: den Salzpass, der die Stationen aufführt, an denen man uns Recht und Geleit zusagt. Hinricus, der bekanntlich nichts lieber tut, als eine Zeile mit dem Finger zu verfolgen, tippte auf einen Namen. Netschung. Ein Weiler im Forst, tief im Bergland, an einer kürzeren Straße, auf der der Zoll geringer und der Weg, wie er sagte, „nur um eine halbe Tagesreise rauer“ wäre. Hans, der sonst bei jeder Meinung hitzig wird, nickte zum ersten Mal seit Halle ohne Streit. Caspar, der keine Meinung hat, die er nicht binnen zwei Stunden ändert, schloss sich mit Begeisterung an. Justus beugte sich dem Pergament, was ihm, wie ich seinem Gesicht entnahm, die Zähne kostete. Er sagte, ein Mann, der den Pass nicht achte, sei kein Kaufmann, sondern ein Gast, und dass er die Mehrheit nicht gegen sich haben wolle, und sah dabei zum Himmel, als habe der ihn im Stich gelassen. Ich selbst, der Heilkundige, der den Ausgang dieses Streits nicht vorausahnen konnte, verbarg ein Lächeln hinter dem Rand meiner Kappe und fühlte mich ungewöhnlich als Mann der Vernunft.

Es war Bohuslav, der mir diesen Triumph nahm. Er stand am Rand, die Zügel in der Hand, hatte während des ganzen Streits kein Wort gesagt, und nun räusperte er sich so leise, dass man es nur hörte, weil alle plötzlich schwiegen. Der Weg über Netschung, sagte er in seinem harzigen Deutsch, führe durch den Miriquidi, den die Alten den Dunkelwald nennen, den Grenzforst des Gebirges, von dem schon der Bischof Thietmar von Merseburg berichtet, dass er Männer verschluckt habe. Und er könne drei Gründe nennen, ihn in diesem Herbst zu meiden. Erstens die Wölfe, die wir gestern selbst am Schäfer in Gornau gesehen hätten, und die in jenen Wäldern, so wisse er, zu Rudeln zusammenstreichen, die sich vor einem Wagenzug nicht fürchten. Zweitens ein Bergrutsch, den der große Regen im April über den Fahrweg gelegt habe, und den bisher niemand geräumt hatte, weil sich dort kein Zoll und keine Mühe lohne. Drittens eine Gruppe böhmischer Vogelfreier, die seit dem Sommer das Gebiet unsicher mache und Pilger wie Handelsreisende gleichermaßen ausnimmt. Er hielt inne. Er zählte, wie ich bemerkte, drei Finger an der linken Hand ab. Mir schien, als hätte er auch einen vierten gekrümmt, ehe er die Faust wieder öffnete.

Hinricus, der Rechner, schwieg einen Moment und tat, was er immer tut: Er rechnete. Er stellte den gesparten Zoll gegen den möglichen Verlust eines einzigen Wagens, und das Ergebnis entschied schneller als jede Predigt. Man werde Sayda nehmen. Bohuslav bot an, voranzureiten, um dem Zöllner und der Wirtin unsere Ankunft zu melden und die Abfertigung für den morgigen Sonntag vorzubereiten, damit wir nicht am Ruhetag in der Schlange stünden. Justus, der in diesem Augenblick wie ein Mann aussah, dem das Schicksal zweimal dasselbe geschenkt hat, einmal als Zwang, einmal als Gnade, nickte so ernst, wie es sein Gesicht erlaubte, und Bohuslav ritt davon, ohne sich umzudrehen.

Beim Aufladen meiner Truhe, die ich wie gewohnt selbst auf den Wagen hob, geschah es dann wieder. Ein Seufzen, lang gezogen, hohl, beinahe menschlich, als beklage sich in meinem doppelten Boden jemand über die Unbequemlichkeit seiner Lage. Justus, der gerade neben mir stand, um mir die Riemen zu reichen, wurde bleich und ließ sie fallen. Hans bekreuzigte sich, der Fuhrknecht auf dem nächsten Wagen schlug das Zeichen gegen den bösen Blick, und selbst die Ochsen, schien mir, wandten die Köpfe.

Ich hatte genug. Ich öffnete die Truhe vor aller Augen, hob das Brett heraus, unter dem das Pulver ruht, und zog aus dem Fach darunter den braunen Ziegenbalg meiner Sackpfeife, die ich seit Padua mit mir führe und gelegentlich, wenn niemand zuhört, zu spielen pflege. Ich drückte ihn mit der flachen Hand zusammen, und er gab, wie ein alter Mann nach dem Sitzen, jenes lange, tiefe Ächzen von sich, dem die halbe Kolonne verfallen war. Es gab einen Augenblick der Stille. Dann begann Caspar zu lachen, so heftig, dass er sich an seinem Pferd festhalten musste, Hans folgte, und binnen eines Atemzugs lachte der halbe Zug über einen Arzt, der einem Ziegenbalg Geheimnisse angedichtet hatte. Ich ließ es zu. Justus lachte am längsten und am leisesten, wie einer, der sich schämt, so erleichtert zu sein. Dass der Balg gestern Nacht, als wir ihn nicht berührten, im Takt der Glocke seufzte, erklärte ich mit der Spannung der Luft im Leder. Niemand fragte nach. Ich mich selbst übrigens auch nicht.

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Mit dieser Heiterkeit im Rücken legten wir die Strecke nach Sayda zurück, durch ein Land, das sich nun merklich hob: Die Hänge wurden steiler, die Wälder dunkler, die Luft dünner und kälter, und das Laub der Buchen schimmerte in einem Gelb, das schon an Pergament erinnerte. Man sang wieder, und diesmal sang ich mit. Gegen Nachmittag lag über den Wipfeln ein Dunst, der nach nassem Moos roch, und die ersten Dächer von Sayda, graue Schindeln unter einem Kirchturm, erschienen so unvermittelt, als habe jemand sie an den Himmel genagelt.

Bohuslav erwartete uns am Stadttor. Neben ihm stand eine Frau, die ich nicht gleich als Wirtin erkannt hätte, wären nicht die Schlüssel an ihrem Gürtel gewesen, ein ganzes Bund, groß genug, um eine Stadt zu öffnen. Sie war hochgewachsen, fast so groß wie Justus, mit einem Gang, bei dem man das Gefühl hatte, der Boden müsse ihr dankbar sein. Ihr Haar war dunkel, mit einem Schimmer wie Kastanie im Regen, und sie trug es, entgegen der Sitte, unter einer Haube, die sie so schief aufgesetzt hatte, dass man annehmen musste, sie habe sie im Vorbeilaufen genommen. Das Witwenschwarz hatte sie längst abgelegt, doch das Futter der Ärmel, das beim Gestikulieren aufblitzte, war ein Scharlach, den kein Pfarrer billigen würde. Eine kleine Lücke zwischen den Vorderzähnen verlieh ihrem Lachen etwas Spitzbübisches, und ihre Hände, ich sah es, als sie Justus begrüßte, trugen Mehl an den Knöcheln und Tintenspuren am Daumen, die Hände einer Frau, die in einer Stunde einen Teig knetet und einen Wechsel prüft. Sie sprach zu Bohuslav auf Tschechisch, rasch und mit einem Ton von alter Vertrautheit, und er antwortete, lachend mit den Augen zuerst. Ich verstand kein Wort. Ich erinnere mich nur, dass beide danach zu mir sahen.

„Schwager“, sagte sie zu Justus, und mehr nicht, aber sie sagte es so, dass man einen ganzen Monat Sehnsucht darin hören konnte. Ihm gelang es, sich im Sattel nicht zu verneigen, was ich als Fortschritt verbuchte.

Elisabeth, die vom Zöllner bereits die Wagenzahl hatte, gab zur Feier unserer Ankunft ein Fest, das ich in der Fülle seiner Einzelheiten nicht beschreiben kann, ohne mich der Völlerei zu überführen. Im Hof der Ausspanne brannten Pechfackeln, auf langen Tischen standen Wildbret in Wacholder, Schmalzgebäck mit Honig, gesalzener Käse aus dem Böhmischen und ein Honigbier, das nach Sommer schmeckte und in den Beinen nach Winter. Ein Fiedler stimmte sein Instrument, die Zöllner der Stadt kamen in ihrem besten Wams, und Elisabeth ging durch die Menge wie ein Schiff durch Wellen, mit jedem ein Wort, mit jedem ein Lachen, und zählte dabei offenbar im Kopf, wie viele Krüge sie pro Mann ausschenken durfte, ehe der Ertrag litt. Ich verdanke es dem Umstand, dass meine Pfeife wieder einmal auf eine unerwartete Weise zu Ehren kam, dass ich ihr nach dem dritten Becher, auf ihr ausdrückliches Verlangen, vorspielen musste, was das Ächzen zu bedeuten habe. Ich tat es, und der Fiedler, ein ernster alter Mann, nahm nach meinem zweiten Stück die Fiedel vom Kinn und sagte nur: „Herr Doktor, das war eine Ziege, die wusste, was sie wollte.“

Justus, der mich beim zweiten Stück an der Schulter fasste, zog mich in eine Ecke des Hofes. Er hatte Schatten unter den Augen, die ich im Fackelschein zunächst für Müdigkeit hielt, bis er sagte, er sei an der Friedhofsmauer von Sayda vorbeigekommen und habe das Grab seines Schwagers gesehen, ein frisches Holzkreuz, noch ohne Namen, weil Elisabeth, wie er vermutete, dem Steinmetz nicht traue. Er sprach rasch, ohne mich anzusehen, in einem Ton, den ich aus dem Kontor vor einem Jahr noch im Ohr hatte. Ich kenne diesen Ton. Ein Arzt, der ihn einmal gehört hat, hört ihn ein Leben lang heraus, wenn eine Trübsal, die man für verheilt hielt, anklopft. Und ich wusste, was Justus tun würde, wenn ich ihm das Pulver verweigerte: Er würde nachts mein Doppelbrett öffnen und sich bedienen, ohne Maß und ohne Zeugen. So gab ich ihm, aus Sorge um den Mann und nicht um die Sache, eine einzige Probe, in ein Stück Pergament gewickelt, nicht größer als ein Fingernagel, mit dem strengen Hinweis, er möge sie als Arznei betrachten und nicht als Lustbarkeit. Er nickte feierlich, steckte sie ein, und ich sah in seinen Augen, dass er an Arznei in diesem Augenblick am wenigsten dachte.

Was dann geschah, schreibe ich nieder, wie es mir berichtet wurde, und was ich selbst sah, nur halb, denn ein Arzt, der zu viel Honigbier getrunken hat, ist ein unzuverlässiger Zeuge. Elisabeth hatte, mit jener Höflichkeit, die ihr eigen ist, zwei Becher besonders füllen lassen, den einen für sich, den anderen als Ehrentrunk für Velten, den Hauptmann unserer Söldner, dem sie, wie sie laut verkündete, die Rettung der Naumburger bei Waldheim und damit auch ihre eigene Kundschaft verdanke. Justus, der die Becher auf dem Tisch stehen sah, tat, was ein ungeduldiger Mann tut: Er ließ, während alle zur Fiedel blickten, das Pulver in den Becher der Wirtin fallen, den er für ihren hielt. Er hatte sich getäuscht. Es war der Becher des Hauptmanns. Elisabeth, die in diesem Augenblick vorbeikam, nahm einen der beiden, drückte den anderen Velten in die Hand, mit einem Trinkspruch auf die Eidgenossen, und Velten trank, wie ein Söldner trinkt, in einem Zug.

Justus, der seinen Irrtum begriff, als es zu spät war, sprang vor, um ihm den Becher aus der Hand zu schlagen, und stand in diesem Augenblick, das Gesicht aschfahl, den Arm gestreckt, genau zwei Handbreit vor dem Gesicht des Schweizers. Velten sah ihn an. Er sah ihn lange an. Dann sank der narbigste Mann, den ich kenne, auf ein Knie, fasste Justus’ Hand mit beiden Pranken und begann, mit einer Stimme, die ich diesem Brustkorb nicht zugetraut hätte, in der Mundart seiner Berge etwas Langes, Zärtliches zu singen, das ich nicht verstand und gerade deshalb für das Schönste hielt, was ich je aus dem Mund eines Mannes mit gebrochener Nase gehört habe. Justus entzog sich, floh um den Tisch, Velten folgte mit dem Becher in der Hand und Tränen im Auge, Hans Kreutzfeld wollte ihn aufhalten und wurde, zu seinem Entsetzen, mit „mein Fels“ angesprochen, und der Fiedler, der Künstler, spielte dazu eine Weise, die man als Hochzeitstanz bezeichnen musste. Elisabeth lehnte am Pfosten, das Gesicht in beiden Händen, und lachte, bis ihr die Schlüssel am Gürtel klirrten.

Nach etwa einer Stunde, in der Justus zwei Mal auf einen Tisch und einmal in den Brunnentrog geklettert war, sank Velten, so plötzlich, wie er entflammt war, auf einen Haufen Säcke und schlief, den Kopf auf Justus’ Mantel, den dieser ihm verzweifelt untergeschoben hatte. Er wird am Morgen, wie ich vorhersage, nichts wissen. Damit ist die Frage, ob die Galanwurz auch bei Männern wirkt, beantwortet, wenn auch an einem Probanden, den ich nicht gewählt hätte. Es gibt freilich Männer im Zug, die behaupten, Velten habe sich bloß verstellt, und einer sagte mir, mit dem Becher in der Hand, das habe er schon in Basel einmal gemacht. Ich habe diese Meinung mit Nachdruck zurückgewiesen. Wenngleich ich, um ehrlich zu sein, nicht ganz sicher bin, weshalb.

Als die Fackeln herunterbrannten, trat Elisabeth zu Justus, der erschöpft auf der Bank saß, strich ihm, vor aller Augen und mit der Gelassenheit einer Schwester, über den Scheitel und sagte, laut genug, dass ich es hörte: „Schon als Knabe hast du Wein in fremde Becher getan, Schwager. Du hast nur nie gelernt, auf die Becher zu achten.“ Ich weiß nicht, was sie damit meinte. Ich weiß nur, dass sie dabei nicht ihn ansah, sondern mich.

So klang ein Sonnabend aus, der friedlicher war, als er hätte sein dürfen, mit Bier in den Bärten, Musik im Hof und einem Hauptmann, der träumend an einen Mantel gelehnt lag. Morgen ist Ruhetag. Ich werde die Truhe öffnen, den Balg beiseitelegen und sehen, wie viel in der Pulverdose fehlt. Dann werde ich entscheiden, ob ich diesem Tagebuch mehr verrate, als ich selbst weiß.

„Wer ein Geheimnis in einem Ziegenbalg verwahrt, darf sich nicht wundern, wenn die Welt ihm zuhört.“

— Th. Hirschhorn

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