Geschichte, Fotografie und kreative Medien aus Halle (Saale)
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Tagebuch des Dr. Hirschhorn – Sechster Tag

Zschopau, am Abend des 21. September Anno Domini 1460

Von diesem Tag ist wenig zu berichten, und ich schreibe das mit einer Dankbarkeit nieder, die nur versteht, wer die beiden vorigen erlebt hat. Zwanzig Wagen, kein gebrochenes Rad, kein Zöllner mit Buch, kein Pfarrer mit Stola. Die Fuhrleute hatten die Ochsen vor der Dämmerung getränkt, Justus hatte den Aufbruch auf die Stunde genau angesetzt, und als die Chemnitzer Glocken zur Prim läuteten, rollte der Zug bereits durch das südliche Tor, als habe er nie etwas anderes getan. Der Himmel, hoch und von jenem Blau, das nur der September zustande bringt, wenn er sich für den Sommer entschuldigen will, blieb uns den ganzen Tag gewogen. Selbst Caspars linkes Knie, befragt, ob es etwas anderes zu melden habe, schwieg beleidigt.
Die Straße führte uns zunächst durch Felder, auf denen die Stoppeln in der Sonne standen wie gescheiteltes Haar, dann in das Tal der Zschopau hinein, das sich von Meile zu Meile verengte und die Hänge näher an uns heranrücken ließ, bis der Fluss uns zur Rechten begleitete wie ein Gläubiger, der auf die Rückzahlung wartet. Die Wälder trugen schon ihr erstes Rot. Man sang wenig, man rechnete viel, und ich hörte Hinricus zwischen zwei Murmelzahlen sogar einmal pfeifen, was ich zu den bedeutendsten Ereignissen des Tages zählen muss. Wir rasteten zur Mittagsstunde an einer Furt, aßen Brot, Käse und die Äpfel von Lichtenau, die Caspar mit sichtlicher Wehmut verteilte, und waren, so Justus nach einem Blick auf den Sonnenstand, „eine Stunde früher, als ich es verdient hätte“.

Das einzige Vorkommnis ereignete sich nahe Gornau, wo der Weg einen Hang hinaufkriecht und links von uns eine Weide sich ausbreitet, grau von Schafen. Am Zaun stand ein alter Schäfer, auf seinen Stab gestützt, dürr wie eine Heugabel und mit einem Gesicht, das der Wind ihm offenbar jahrzehntelang in Falten gelegt hatte. Er trat an Justus’ Steigbügel, ohne zu grüßen, und zeigte mit dem Stab auf ein abgewetztes Fell im Gras, das einmal ein Lamm gewesen war. Drei Tiere, sagte er, in einer Woche. Nicht gestohlen, nicht verendet, gerissen, „und zwar sauber, Herr, wie von einem, der sein Handwerk gelernt hat“. Die Wölfe kämen in diesem Herbst früh aus den Bergen herunter, wohl weil der Winter hinter ihnen herschleiche, und wer nach Sayda hinauf wolle, tue gut daran, nachts die Feuer hochzuhalten und die Ochsen nicht an den Waldrand zu binden. Justus dankte ihm ernst und ließ ihm einen halben Käse reichen, und der Alte nahm ihn, wie man eine Rechnung annimmt, die zu klein ist, um zu streiten.

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Ich hielt mich, wie ich gestehe, nicht damit auf, die Wolken zu mustern. Doch ich sah, dass Bohuslav, der sonst kein Wort über Tiere verliert, dem Schäfer länger nachblickte, als der Anlass verlangte, und er seine Lippen bewegte, als zähle er etwas. Ich nahm mir vor, ihn zu fragen, und vergaß es sogleich, denn der Weg wandte sich, und vor uns lag Zschopau.
Das Städtlein schmiegt sich an einen Hang über dem Fluss, die Dächer dicht gedrängt wie Schafe im Pferch, und über allem thront das Schloss Wildeck, grau und stämmig, mit einem Turm, der aussieht, als habe man ihn mit der Faust in den Fels getrieben. Die Ausspanne, die Justus kannte, lag am unteren Markt, ein langes Haus mit niedriger Stube und einem Hof, in dem der Wirt, ein dicker Mann mit rotem Haar, die Wagen einzeln zuwies wie ein Hauptmann seine Quartiere. Alles ging so reibungslos, dass ich mich eine Weile verdächtig ruhig fühlte, wie ein Arzt, dessen Wartestube leer bleibt.
Ich trug, wie an jedem Abend, meine Truhe selbst vom Wagen. Justus, der dabeistand und sich am Zügel kratzte, bemerkte es. „Seit Halle schleppst du das Ding herum, als sei es dein erstgeborener Sohn“, sagte er, „und ich habe gesehen, dass du es in Leipzig, in Grimma und in Waldheim jeden Abend mit in die Kammer genommen hast, während deine Kleider im Stall schlafen durften.“ Ich wollte eben etwas Beruhigendes erwidern, über Kräuter, Feuchtigkeit und die Empfindlichkeit meiner Glasgefäße, als es geschah.
Beim Absetzen auf das Pflaster, gerade als ich den Riemen löste, entfuhr der Truhe ein Laut. Ich weiß nicht, wie ich ihn anders beschreiben soll: ein langes, tiefes, fast menschliches Ächzen, wie es ein alter Mann tut, der sich nach langem Sitzen erhebt, nur dass dieser Mann tiefer lag, als er sollte, und von Holz umgeben war. Die Fuhrleute hielten inne, ein Knecht ließ seinen Eimer fallen, und Hans Kreutzfeld, der Mann, der am Zschopauufer zwei Heckenreiter aus dem Sattel geschlagen hatte, bekreuzigte sich zweimal, rasch hintereinander, wie jemand, der sich nicht sicher ist, ob der erste Versuch gezählt hat. Ich erklärte laut und mit der Würde eines Mannes, der Padua gesehen hat, dass trockenes Eichenholz in der Abendkühle nun einmal arbeite. Man nickte, wie man nickt, wenn man dem Arzt nicht widersprechen will, und ging wieder an seine Arbeit. Ich selbst schnallte den Riemen wieder fest und stellte fest, dass meine Hände nicht ganz ruhig waren.

Justus, der als Einziger nicht zurückgewichen war, sah mich an. „Das war kein Holz, Thomas.“ Und nach einer Pause, in der Stimme einen Ton, den ich an ihm seit dem Moritztor nicht mehr gehört hatte: „Ich habe einen Mann sterben hören, der so klang. Zeig mir, was darin ist. Das Pulver. Das weiße Pulver, von dem sie in Halle (an der Saale) flüstern: die Galanwurz. Du hast mir vor einem Jahr schon einmal davon gegeben.“

Ich muss hier der Ordnung halber festhalten, dass es graubraun ist und keineswegs weiß, ein Irrtum, den man in Halle (an der Saale) offenbar für wahrscheinlicher hält als die Wahrheit, und dass es an jenem Tag vor einem Jahr nicht um Neugier ging. Justus war damals in eine Trübsal gesunken, die ich als Arzt nur selten in solcher Tiefe gesehen habe: Er aß nicht, er sprach nicht, er saß wochenlang im Kontor und starrte auf Rechnungen, ohne sie zu lesen, und Anna sagte mir an der Tür, mit leiser Stimme, sie fürchte, er werde ihr „leise davonrinnen“. Ich gab ihm eine Gabe, nicht größer als ein Fingernagel, in Wein gelöst, und binnen einer Nacht war er ein anderer. Was er mir in dieser Nacht erzählt hat, gehört nicht in dieses Tagebuch, und ich fürchte, auch er weiß es nur noch zur Hälfte. Beim zweiten Mal, auf der Reise von Leipzig, reichte ich ihm mehr Zuspruch als Pulver, und er sah hernach doch aus wie ein Mann, der dem Paradies begegnet ist. Das, so denke ich, spricht eher für den Zuspruch.

Ich sagte ihm nichts davon. Ich sagte ihm, es sei nicht der Ort noch die Stunde, und dass ich es ihm zeigen würde, wenn die Herberge schliefe. Ich gestehe, dass ich ein wenig Freude daran hatte, einen Mann, der Zöllner in Geschäftspartner verwandelt, zum ersten Mal auf dieser Reise warten zu lassen. Er wartete. Er aß seine Suppe mit der Miene eines Mannes, der das Urteil vertagt bekommen hat, trank zwei Becher, wo sonst vier, fragte Caspar, der Margarethe gerade etwas über die Schönheit der Zschopauer Dächer erzählte, ob er sich nicht anderswo lächerlich machen wolle, und stieg erst gegen die zehnte Stunde mit mir die Treppe hinauf in die Kammer unter dem Dach, die der Wirt uns zugewiesen hatte. Ich stellte die Truhe auf den Tisch und löste das Doppelbodenbrett mit dem Messer. Das Holz blieb still.
Ich erzählte ihm, beim Licht einer einzigen Kerze, was ich von der Galanwurz weiß, und es ist, wie ich zugebe, weniger, als ich ihm lieber gesagt hätte. Zwei Wirkungen, sagte ich, habe ich an Menschen beobachtet, die sie nahmen, und sie zeigen sich nicht immer zugleich. Die erste: Sie löst die Zunge. Wer davon kostet, wird redselig wie ein Fuhrmann nach dem fünften Becher, nur dass er nicht Geschichten erzählt, sondern sich selbst: Er sagt, was er denkt, und was er verschweigt, sagt er auch, und zwar in einem Ton, als sei es das Natürlichste der Welt. Justus fragte, wie lange das wäre. Ich sagte, eine Stunde, vielleicht zwei, und dass die meisten Menschen hernach nicht mehr wüssten, was sie gesagt hätten. „Nicht die meisten“, murmelte er. „Aber gut.“

Die zweite sei heikler. Sie wirke wie ein Funke im Zunder: Wer sie nimmt, verfällt für kurze Zeit der ersten Person, die er danach erblickt, in einen Liebeswahn von einer Heftigkeit, die ich selbst bei einem Bauern im Frankenland gesehen habe, der eine Stunde lang einer Ziege den Hof machte. Ob dies auch bei Männern wirke, wisse ich nicht, denn die Frauen, die ich damit sah, waren vernünftiger darin, sich zu beschreiben. Justus, ich schwöre es, fragte nach einer langen Pause, ob die erste Person „vielleicht jemand sei, der nicht im Raum ist“. Ich bin mir nicht sicher, ob er dabei an Anna dachte, oder an etwas anderes, und ich habe ihn nicht gefragt.
Um Mitternacht, die man in Zschopau, wie ich später erfuhr, vom Turm der Kirche St. Martin aus anschlägt, sofern der Türmer nicht schläft, nahm ich zwei Messerspitzen in zwei Becher Wein, stellte beide auf den Tisch und bot Justus an, beide Wirkungen zu erproben. Ich würde, sagte ich mit der Würde des Wissenschaftlers, die andere Hälfte auf mich nehmen. Er sah in den Becher, dann in die Kerze, dann zur Tür. Es war ein langer Augenblick. Draußen schlug die erste Glocke an, tief und schwer, und mit ihr, genau im Takt, aus dem Inneren der offenen Truhe, kam wieder das Ächzen. Tiefer diesmal, länger, mit etwas darin, das man bei einer Tür, die sich im Wind bewegt, nicht erwartet.
Wir saßen beide ganz still. Als die zwölfte Glocke verklungen war, schob Justus seinen Becher mit zwei Fingern über den Tisch zurück zu mir. „Es gibt Wahrheiten, Thomas“, sagte er, „die ich lieber im Fass lasse. Und wenn die erste Person, die ich danach sähe, du wärst, dann wollte ich das, bei aller Freundschaft, auch nicht zu Protokoll geben.“ Ich schüttete beide Becher aus dem Fenster in den Hof, wo, wie ich hoffe, kein Hund geschlafen hat, und schloss die Truhe. Sie blieb still.
Wir legten uns schweigend nieder, jeder in seinem Bett, ich mit dem Messer unter dem Kissen, wie ein Mann, der mit seinen Medikamenten schläft, und ich hörte noch lange, wie Justus sich umdrehte, ohne einzuschlafen. Im Hof, weit hinter dem Fluss, rief ein Tier, ein lang gezogener, fragender Ton, für den ich keinen Namen wusste, und ich redete mir ein, es sei eine Eule.

„Manches Geheimnis behält sich selbst am besten, wenn man es um Mitternacht nicht auf die Probe stellt.“
— Th. Hirschhorn