Chemnitz, am Abend des 20. September Anno Domini 1460
Nach den Schrecken und Enttäuschungen des Vortages hätte ich es kaum für möglich gehalten, doch der heutige Tag schien sich vorgenommen zu haben, uns eines Besseren zu belehren. Der Himmel, der uns in Waldheim noch mit jenem grauen Türkenpfennig-Gesicht bedacht hatte, das keinem Kaufmann Freude bereitet, zeigte sich heute Morgen aufgeräumt und mild, fast als schäme er sich seiner gestrigen Launen, und der Weg, der uns von Waldheim aus zunächst noch ein Stück an der Zschopau entlang und dann in sanfterem Bogen landeinwärts führte, war fest und trocken genug, dass die Räder kaum mehr knirschten als summten. Von den Ereignissen der Straße selbst ist wenig zu berichten – gute Wege, wie ich in Padua einst hörte, machen die schlechtesten Geschichten –, und so will ich mich nicht mit Einzelheiten aufhalten, die ohnehin niemand vermissen wird, sondern gleich zu dem übergehen, was diesen Tag von seinen Vorgängern unterschied.
Es war die Stimmung selbst, die sich wandelte, kaum dass wir Waldheim und seine geistlichen Nachstellungen hinter uns gelassen hatten. Als hätte man einem fiebrigen Patienten über Nacht das Fieber genommen, so löste sich die Schwere, die seit dem Moritatenschreiber über unserer Gesellschaft gelegen hatte, binnen weniger Meilen fast gänzlich auf. Hans Kreutzfeld begann es, wie so oft, mit einem jener derben Fuhrmannslieder, deren Reime mehr dem Rhythmus der Räder als der Kunst der Dichtung geschuldet sind, und ehe die Sonne den höchsten Stand erreicht hatte, sangen halbe Kolonnen mit, Söldner wie Kaufleute, selbst Hinricus Luneborg, der sonst eher murmelt als singt, ließ sich zu einem schiefen Brummen hinreißen, das ich, aus reiner Zuneigung, hier nicht weiter beurteilen will.
Am eindrücklichsten aber war mir jenes Lied, das Caspar anstimmte, als wir eine kleine Anhöhe erklommen hatten und sich vor uns die welligen Fluren gegen Mittweida hin öffneten – ein frommes, schlichtes Ding, wie es fahrende Prediger den Kindern auf dem Kirchhof lehren, doch mit einer Inbrunst vorgetragen, die selbst den ältesten Söldner zum Mitsummen brachte:
„Wer Gott vertraut auf rechtem Steg,
den führt Er wohl durch jeden Weg,
und ist der Weg auch noch so weit,
Gott spart nicht Trost noch Herrlichkeit.“
Ich gestehe, dass mir bei diesen Versen ein Lächeln über die Lippen huschte, das ich mir selbst kaum verzeihen mochte, denn welch schlichtes Gemüt braucht es, um zu glauben, ein guter Weg sei bereits der Beweis göttlicher Zuneigung, während ein schlechter – wie erst gestern, mit Rauch und Klingen – wohl nur ein Missverständnis der Vorsehung sei? Doch wer wollte an einem solchen Morgen, mit warmer Sonne im Nacken und singenden Freunden ringsum, der Theologie eines Zwanzigjährigen mit dem Florett des Zweifels zu Leibe rücken? Ich sang, in Ermangelung besserer Beschäftigung, die zweite Strophe leise mit, und Gott, so er mich hörte, wird es mir, hoffe ich, mit derselben Nachsicht verziehen haben, mit der ich sie ihm verzeihe.
Kurz vor der letzten Stunde des Tages, als wir uns bereits Lichtenau näherten, ereignete sich ein Zwischenfall, dessen ich mich, wie ich fürchte, noch lange werde erinnern müssen, so oft, wie Caspar es mir seither übelnimmt, dass ich ihn hier niederschreibe. Das Dorf feierte, wie es sich fügte, sein Erntefest, mit Girlanden aus Ähren über der Dorfstraße und einer Schar Mädchen, die den Vorbeiziehenden Getreidekörner und welke Astern in den Weg warfen, „auf dass das Glück sich mit ihnen auf die Reise mache“. Nun hatte, wie sich zeigte, die Kunde von Caspars öffentlichem Werben um Margarethe – von wem verbreitet, weiß ich nicht, doch ich vermute stark jenen Moritatenschreiber, dessen Zunge, wie ich nun gelernt habe, schneller reist als jeder Wagenzug – bereits diese Gegend erreicht, ausgeschmückt und verändert, wie es solchen Geschichten eigen ist, bis aus einem Verlöbnisversprechen eine bereits vollzogene Hochzeit geworden war.
Ehe wir uns dessen versahen, trat der Dorfpfarrer, ein rundlicher, kurzatmiger Mann mit einer Stola, die er offenbar in großer Eile über das Erntegewand geworfen hatte, mitten auf die Straße, hob die Hände und rief mit einer Feierlichkeit, die keinen Widerspruch zu dulden schien, er habe „vom Brautpaar aus Halle“ gehört und wolle sich die Ehre nicht nehmen lassen, den Segen persönlich zu spenden, „hier, auf offener Straße, wenn es sein muss, denn Gottes Segen kennt keine Kirchenmauern“. Caspar, der bis dahin fröhlich im Sattel gesungen hatte, wurde binnen eines Atemzuges so bleich, wie ich ihn seit dem Gefecht bei Waldheim nicht mehr gesehen hatte, und stammelte etwas von „noch nicht“ und „erst in Prag“, während Margarethe, die Zügel ihres Wagens fest in der Hand, mit einer Mischung aus Erheiterung und leiser Empörung erklärte, sie gedenke, ihre eigene Hochzeit selbst zu bestimmen, „und zwar nicht auf einer Landstraße zwischen zwei Kuhweiden“. Der Pfarrer, keineswegs entmutigt, bot als Kompromiss an, wenigstens die Ochsen zu segnen, „da sie ja offenbar die einzigen hier sind, die heute Abend noch zueinanderfinden werden“ – ein Scherz, über den selbst Hinricus Luneborg lauter lachte, als ich es ihm je zugetraut hätte. Wir zogen schließlich, mit Äpfeln und frischem Brot überhäuft, unter dem Gelächter des halben Dorfes weiter, und Caspar mied für den Rest des Nachmittags hartnäckig meinen Blick, was mir, ich gebe es zu, das Schreiben dieser Zeilen nur noch angenehmer macht.
Diese Heiterkeit, so schön sie war, sollte uns nicht bis vor die Tore von Chemnitz begleiten. Als wir gegen späten Nachmittag die nördlichen Vorstädte erreichten, wo die Chemnitz und die Straßen aus Freiberg und aus unserer eigenen Richtung zusammenlaufen, empfing uns am Schlagbaum ein Oberzöllner von jener Sorte, die ich in zwanzig Jahren Reisens zur Genüge kennengelernt habe: ein hagerer Mann mit einem Buch unter dem Arm, das er häufiger aufschlug, als es nötig gewesen wäre, und einem Blick, der unsere Wagen musterte, wie ein Metzger ein Rind mustert, ehe er den Preis nennt. Chemnitz, das wusste ich von früheren Reisen, besitzt kein Stapelrecht, das jeden durchziehenden Kaufmann zwänge, seine Waren hier feilzubieten, wie es Leipzig oder Magdeburg für sich beanspruchen – und ebendies, so schien mir bald, war dem Oberzöllner ein Dorn im Auge, den er mit umso größerem Diensteifer zu kompensieren suchte.
Justus, dem ich diese Art von Männern schon mehrfach hatte begegnen sehen, trat mit jener Selbstsicherheit vor, die ihn im Hohlwege bei Schkeuditz so wohl gedient hatte, und verwies, ehe der Zöllner noch ein Wort hatte sprechen können, auf unseren kaiserlichen Geleitbrief, das schwere Pergament mit dem roten Siegel, das uns freien Zug
verheißt. Doch wo diese Geste bei einfacheren Gemütern sonst genügt hätte, geschah hier das Gegenteil dessen, was Justus beabsichtigt hatte: Er, sonst ein Mann von Maß, ließ sich, ob aus Übermut nach diesem heiteren Tag oder aus schlichter Ungeduld, zu der Bemerkung hinreißen, ein solches Siegel stehe „über jedem städtischen Zollrecht, das der Kaiser selbst nicht eigens bestätigt hat“ – eine Übertreibung, die, wie mir jeder Jurist bestätigt hätte, so nicht haltbar war, und die der Oberzöllner mit einem Lächeln quittierte, das mir mehr Sorge bereitete als jeder Zornesausbruch. „Dann“, sagte er nur, „wird es dem Herrn Ratsherrn ja ein Leichtes sein, uns zu zeigen, was ein kaiserliches Siegel alles zu decken vermag“ – und gab seinen Leuten ein Zeichen, das binnen kurzem zwanzig Wagen auseinanderreißen ließ, als suche man darin nicht Tuch und Salz, sondern verborgene Ketzerschriften.
Ich will die nächste Stunde nicht in allen ihren kleinlichen Einzelheiten schildern – wie man meine eigene Truhe zweimal öffnete und den Geruch meiner Kräuter mit einer Miene prüfte, die mehr Argwohn als Neugier verriet; wie man Margarethes Pelzballen auspackte und wieder verschnürte, ohne ein Wort der Entschuldigung; wie selbst die Fuhrleute ihre eigenen Reisesäcke durchwühlt sahen, als suche man dort das Stadtsilber von Prag. Bedeutsam wurde die Sache erst, als man auf Hinricus Luneborgs Ladung stieß: ein gutes Viertel unseres gesamten Zuges, feinste Tuche und Stoffe, wie ich sie selbst in dieser Menge noch nicht beieinander gesehen hatte, sorgsam in Ölleinen gehüllt gegen Nässe und neugierige Blicke. Hinricus, der sonst die Ruhe eines Mannes ausstrahlt, dem nichts zu Zahlen ist, das er nicht selbst schon addiert hätte, wurde bei diesem Anblick so blass, dass ich einen Moment ernsthaft fürchtete, ich würde noch vor der Stadtmauer meine ärztlichen Dienste an ihm verrichten müssen.
Der Oberzöllner, nun sichtlich in seinem Element, ließ sich Zeit, das Tuch durch die Finger gleiten zu lassen, ehe er verkündete, was ich schon ahnte, ohne die Einzelheiten zu kennen: Chemnitz besitze zwar, wie Justus richtig vermutet habe, kein allgemeines Stapelrecht – doch es besitze, seit dem Jahre 1357 vom Kaiser selbst verbrieft, das Bleichprivileg, wonach alles Leinen, das im Umland der Stadt wachse und gewoben werde, hier und nur hier gebleicht werden dürfe, ehe es zum Verkauf geführt werden dürfe. „Und da“, fuhr er fort, mit einer Freundlichkeit, die schlimmer war als jeder Hohn, „so feines Leinen wie dieses gewiss nicht aus fernen Landen stammt, sondern aus unserer eigenen fruchtbaren Erde, wird es billig sein, es hier zu verzollen, wie es unser gutes altes Recht verlangt – zum vollen Satz, versteht sich, da man es ohne unser Wissen durch unsere Mauern zu schmuggeln gedachte.“ Ich sah, wie Justus im Kopf zu rechnen begann, und noch ehe er mir seine Schätzung mitteilte, wusste ich aus Hinricus’ Gesicht, dass sie schlecht sein musste: Bei voller Besteuerung, so flüsterte mir Justus später zu, wäre Luneborgs Gewinn auf dieser ganzen Reise um die Hälfte geschmälert worden – eine Summe, die den Weiterzug nach Prag zu einem Geschäft gemacht hätte, das man ebenso gut hätte bleiben lassen können.
Es war Justus, der, nachdem sein erster Fehltritt uns diese Bescherung eingebracht hatte, nun mit einer List aufwartete, die mich, so oft ich sie in Gedanken durchgehe, noch immer mit Bewunderung erfüllt. Er bat den Oberzöllner, ehe dieser sein Buch zur Berechnung öffnete, um eines einzigen Zugeständnisses: Man möge das Tuch nicht nur betasten, sondern es einem Manne vorlegen, der von seinem Handwerk wirklich etwas verstehe, „denn ein Zöllner, so scharf sein Auge auch sei, ist kein Bleicher, und ein Irrtum in dieser Sache wäre für die Stadt Chemnitz ebenso peinlich wie für uns kostspielig“. Der Zöllner, dem an seinem Ruf offenbar mehr lag, als er zugeben mochte, ließ tatsächlich einen
alten Meister der Bleicherzunft holen, einen Mann mit Händen, die von Lauge und Sonne so weiß gegerbt waren wie das Tuch, das er prüfte. Dieser nun, kaum dass er ein Ende des Stoffes zwischen die Finger genommen und gegen das Licht gehalten hatte, schüttelte den Kopf: Dies sei kein roher, ungebleichter Flachs aus heimischer Feldmark, wie ihn das Privileg meine, sondern bereits fertig gewobenes und gefärbtes Tuch flandrischer Webart, „schon in Brügge oder Gent durch mehr Hände gegangen, als unsere Bleiche je zu Gesicht bekommt“ – Ware also, die man in Halle (an der Saale) von flämischen Kaufleuten erworben hatte, um sie unverändert nach Prag weiterzuführen, und die folglich, wie der Bleichmeister selbst bezeugte, außerhalb des Wortlauts jenes altehrwürdigen Privilegs lag, das schließlich das heimische Leinen schützen sollte, nicht den Fernhandel mit fremder Ware besteuern.
Der Oberzöllner, der sich jetzt zwischen dem Urteil seines eigenen Sachverständigen und seinem Wunsch, uns nicht kampflos ziehen zu lassen, gefangen sah, suchte noch nach einem letzten Vorwand, doch Justus, der seinen Vorteil witterte, ließ ihm keine Zeit dazu. Er schlug vor, was mir im ersten Moment als reine Verzweiflungstat erschien, sich aber binnen weniger Atemzüge als der eigentliche Schachzug dieses ganzen Nachmittags erwies: Da man ohnehin nach Prag ziehe, wo feines Tuch stets willkommen sei, wolle er, Justus, dem Rat der Stadt hiermit anbieten, eine ansehnliche Menge des hier so vortrefflich gebleichten Chemnitzer Leinens zu erwerben – zu redlichem Preis, versteht sich –, um es in Prag als Ware der Stadt Chemnitz feilzubieten, „auf dass man dort erfahre, welch treffliches Leinen hinter diesen Mauern entsteht, und man künftig nicht mehr den Umweg über Leipzig nehmen müsse, um daran zu gelangen“. Ein Angebot, das dem Oberzöllner mit einem Schlag mehr Nutzen versprach, als jede noch so scharfe Zollrechnung es vermocht hätte, und das überdies der Bleicherzunft, deren Meister noch immer mit dem flandrischen Tuch in den Händen dastand, ein Geschäft in Aussicht stellte, von dem sie bislang nur hatte träumen können. Binnen einer weiteren halben Stunde, in der Justus und der Oberzöllner, nunmehr fast wie zwei alte Geschäftsfreunde, über Ballen und Preise verhandelten, war aus einer drohenden Katastrophe ein Handel geworden, der, wie mir schien, beiden Seiten mehr einbrachte, als es die ursprüngliche Zollforderung je vermocht hätte – Hinricus Luneborg eingeschlossen, dessen Gesicht binnen dieser halben Stunde wieder jene Farbe annahm, die ich an ihm gewohnt bin.
So zogen wir, später als geplant, doch mit vollem Zug und leichtem Herzen, durch das nördliche Stadttor in die Mauern von Chemnitz ein, wo uns eine geräumige Herberge nahe dem Markt erwartete. Ich vermerke, mehr der Redlichkeit als der Klatschsucht halber, dass Hinricus Luneborg, ehe wir uns zur Ruhe begaben, Justus mit einer Herzlichkeit dankte, die zwischen den beiden Männern seit Grimma nicht mehr geherrscht hatte – ein kleiner, vielleicht flüchtiger Riss in jener Kühle, die mir seither Sorge bereitet hatte. Doch ich habe die Absicht, mich zu hüten, aus einem dankbaren Händedruck bereits eine Versöhnung zu lesen. Der Abend selbst verging in jener erschöpften, zufriedenen Stille, die einem guten Tag nach einem schlechten folgt, und ich legte mich nieder mit dem Gedanken, dass ein Mann, der einen Zöllner in einen Geschäftspartner zu verwandeln vermag, gewiss auch anderswo Wege findet, wo andere nur Mauern sehen.
„Wer aus einem Zollstock einen Handschlag macht, hat mehr von der Kaufmannschaft verstanden als mancher, der sein Leben lang nur rechnet.“
— Th. Hirschhorn
