MSW - Welten (Fotografie und Projekte)

© Sandy Wohlleben / Michael Waldow update: 14.09.18
Halle (Collage)
Porträt Sandy
Sandy und Micha bei der Arbeit
Es    war    einer    jener    herrlichen    Herbsttage,    die    einem    zum    Träumen    verleiten. Hätte   ich   gern   getan,   saß   aber   in   einem   Auto   und   fuhr   durch   den   Dölauer   Wald bei    Halle.    Neben    mir    zog    sich    die    alte    Bahnlinie    hin,    die    durch    einen    Verein gerade   „renoviert“   wird.      Kein   Auto   auf   der   Straße,   bunte   Blätter   und   das   Gefühl durch    die    Unendlichkeit    zu    fahren,    dazu    der    Song    „Far,    far    away“    von    Slade. Wunderbar!   Da   ich   gern   fotografiere,   verleitete   es   mich   dazu   mal   auszusteigen und ein Foto zu machen. An   einem   Übergang,   den   auch   Waldläufer   querten,   stellte   ich   meine   Kamera   auf eine    der    Bahnschwellen    und    machte    aus    dieser    Perspektive    ein    Foto    von    der Unendlichkeit.   Zu   Hause   schrieb   ich   auf   die   erste   Schwelle   „Far,   far   away“   und stellte   das   ganze   ins   Internet.   Und   dann   ging   es   los.   Als   erstes   bekam   ich   eine   Belehrung,   das   es   verboten   ist die    Schienen    zu    betreten.    Als    zweites    bekam    ich    entsprechende    Paragrafen    zu    hören.    Nun,    die    Bahnstrecke wurde   ausgebessert,   war   aber   gesperrt   und   niemand   hatte   seit   der   Einstellung   einen   Zug   gesehen,   abgesehen von gelegentlich dastehenden Maschinen der Arbeiter. Ausserdem   stand   ich   auf   einem   aufgeschütteten   Bahnübergang.   Man   ließ   nicht   locker   und   mich   wissen,   das   dies kein   offizieller   Bahnübergang   ist,   sondern   von   Förstern   gemacht.   Auch   als   ich   den   Weg   und   Übergang   auf   der Karte   aus   dem   Internet   zeigte,   wurde   mir   erklärt,   die   Stadt   habe   es   schon   aus   der   Karte   entfernt.   Das   war   das Vorgeplänkel,   jetzt   ging   es   erst   richtig   los.   Man   erzählte   mir   von   toten   Menschen,   die   sich   auf   Gleise   warfen und   Zugführern,   die   schockiert   sind   und   einer   verstieg   sich   in   der   Meinung,   das   Bild   ist   aus   der   Sichtweise eines    auf    den    Gleisen    liegenden    toten    Menschen.    Das    war    dann    genau    der    Zeitpunkt,    wo    ich    keine    Lust    mehr hatte, diese Farce mitzuspielen. Das geblitzte Pferd Eines   Tages,   am   späten   Nachmittag,   begab   ich   mich   auf   die   Koppel,   um   Pferde   zu   fotografieren.   Ich   fokussierte meine   Kamera   und   fuhr   einfach   über   die   Koppel,   das   Auge   am   Sucher,   um   ein   geeignetes   Objekt   aufzunehmen. Unvermittelt   tauchte   im   Sucher   der   Kopf   einer   schönen   Stute   auf.   Ich   drückte   den   Auslöser.   Da   das   Tier   der Kamera   das   Licht   nahm,   klappte   diese   den   Blitz   automatisch   auf   und   löste   ihn   aus.   Das   Tier   war   davon   nicht   im mindesten beeindruckt. Das Foto selbst wurde ein gelungener Schnappschuß. Wochen   später   stellte   ich   das   Foto   in   einer   Face-bookgruppe   ein,   wo   sehr   viele   Fotografen   Mitglieder   waren.   Es war   soetwas   wie   mein   Einstiegsfoto.   Ich   hatte   es   nur   wenig   bearbeitet   und   den   kleinen   weißen   Fleck   auf   dem Auge   nicht   so   recht   registriert.   Er   war   durch   den   ausgelösten   Blitz   entstanden.   Was   danach   kam,   verschlug   mir die    Sprache.    Erst    wurde    ich    kritisiert,    weil    ich    ein    Blitz angeblich       bewußt       nahm.       Dann       traten       selbsternannte Tierschützer   auf   den   Plan,   die   mich   regelrecht   in   den   Boden stampften.    Das    Tier    hätte    ich    geblendet    und    ich    solle    die Kamera    gegen    ein    Frittenbude    eintauschen,    das    waren    dann noch   die   harmlosesten   Sätze.   Ein   weiteres   Foto,   das   ich   von einem      verträumten      Mädchen      machte,      wurde      gleich      mit verissen;   ob   ich   das   junge   Ding   zu   Tode   geblitzt   habe   und   so weiter.    Jeder    Hinweis,    daß    das    Foto    zufällig    entstand,    der Blitz    automatisch    auslöste    und    das    Pferd    überhaupt    keine Regung   zeigte,   wurde   ignoriert   oder   besser   nicht   geglaubt.   Es wurde    auf    Teufel    komm    heraus    behauptet,    es    wäre    meine Absicht   gewesen.   Ich   nahm   nicht   nur   die   Fotos   von   der   Seite, sondern mich gleich auch. Entartete Fotos Wenn   man   Modelfotografie   macht,   kommt   man   an   Dessousfotos   eigentlich   kaum   vorbei.   Einmal   durch   die   Stadt gegangen,   sind   solche   Fotos   überall   präsent   und   stören   eigentlich   keinen   Menschen   mehr.   Wir   sind   ja   aufgeklärt. Das   betrifft   aber   nur   Fotos,   bei   denen   das   Model   nicht   persönlich   bekannt   ist.   Andernfalls   kochen   die   Gerüchte hoch   und   die   Fantasien   überschlagen   sich.   Das   Model   gerät   in   Verruf   und   der   Fotograf   gleich   mal   mit,   man   weiß ja wie und was da abläuft. Eines   Tages   zeigte   ich   einer   Bekanntenrunde   ein   Dessousfoto   von   einem   19jährigen   Model.   Es   wurde   von   den älteren   Frauen   als   ästhetisch   und   gelungen   befunden.   Eine   der   Frauen   gab   auch   unumwunden   zu,   mit   ihrem   Mann zusammen    erotische    Filme    anzuschauen,    was    ein    zustimmendes    Gelächter    auslöste.    Ich    freute    mich,    dass    mir jedenfalls ein ansprechendes Foto gelungen war. Wochen   später   wurde   ich   von   jemanden   angesprochen,   warum   ich   schmutzige   Fotos   herumzeige.   Ich   war   Baff, welche    schmutzigen    Fotos?    Ein    wenig    später,    nach    einer    intensiven    Fragestunde    dämmerte    mir,    das    besagte Frau,    die    die    Fotos    für    gut    befand,    nach    meinem    Weggang    sich    über    die    Dessousfotos    aufregte.    Nun    ja,    sie kannte   das   junge   Ding   und   schließlich   kann   man   sich   ja   denken,   warum   ein   alter   Sack   (also   ich)   junge   Mädchen   in eindeutige   Posen   fotografierte.   Typisch   Mann!   Seitdem   vermeide   ich   Dessousfotos   im   Bekanntenkreis   zu   zeigen, schon gar nicht bei Leuten, die einen versauten Witz nach dem anderen erzählen. Da ist ja nichts dabei. Oder? Die Mätresse Da    wir    beide    auch    in    der    Hallischen    Hanse    sind,    die    Hallische    Hanse-traditionen    pflegt,    spielen    wir    in    der Theatergruppe Quinta-X-Essentia nicht nur mittelalterliche Stücke, sondern machen auch   Fotogeschich-ten   aus   dieser   Zeit,   die   wir   ver-öffentlichten.   Eine   der   Geschichten   hieß:   Wie   Erasmus   zu einer   Mätresse   kam“,   bei   der   ein   Kaufmann   sich   einbildete,   eine   wunderhübsche   Magd   kaufen   zu   können   und   zu seiner   Mätresse   zu   machen.   Die   Magd   war   aber   nicht   nur   blond   und   hübsch,   sondern   auch   mit   allen   Wassern gewaschen.   Sie   ließ   sich   scheinbar   auf   das   Spiel   ein   und   machte   den   Kaufmann   betrunken,   nicht   nur   vor   Glück, sondern    im    wahrsten    Sinne    des    Wortes.    Der    Kaufmann    unterschrieb    in    seinem    Rausch    einen    Vertrag,    die    der Magd    die    Beteiligung    an    einer    Taverne    und    ein    hübsches    Sümmchen    obendrein    bot.    Von    der    „Liebe“    hatte    er aufgrund   seines   Alkoholkonsums   nichts.   Die   Geschichte   wurde   im   Mittelalterambiente   fotografiert   und   in   Comics umgewandelt.    Die    Bilder    waren    P6    geeignet,    kleine    Kinderchen    hätten    vielleicht    die    Geschichte    nicht    ganz verstanden.   Zu   jener   Zeit   hatte      aber   die   Hauptdarstellerin   der   Magd   gerade   eine   neue   Beziehung   begonnen. Dafür   wurde   sie   beneidet   und   man   brauchte   etwas   zum   Tuscheln.   So   fanden   es   einige   angebracht,   doch   bei   ihrer neuen    Beziehung    nachzufragen,    ob    er    den    wüßte,    das    sie    mit    noch    Einem    eine    Geschichte    um    eine    Mätresse machte.   Den   Inhalt   musste   man   freilich   nicht   lesen,   weiß   man   doch   wie   solche   Weibsbilder   sind.   Gott   sei   Dank konnte   die   neue   Beziehung   der   Haupt-darstellerin   darüber   nur   lachen.   Wir   wußten   aber   ab   diesem   Zeitpunkt, dass   die   Neider   vor   gar   nichts   zurückschrecken,   um   jemanden   bloßzustellen   und   ihnen   die   Folgen   mehr   als   nur egal sind. Wir nannten die Geschichte um in „Erasmus und Betlin“ und schon war es nicht mehr interessant.        Das alte und das überarbeitete Deckblatt, nun auch „kinderfreundlich“. Die böse Foto Ich   hatte   mal   wieder   Lust   ein   Foto   besonders   zu   bearbeiten   und   mein   Blick   fiel   auf   die   Serie   von   Laura,   die   ich schon   eine   Weile   kannte.   Sie   liebt   es,   sich   vor   dem   Fotografen   zu   bewegen   und   sie   mag   auch   ausgefallene   Fotos. Ich    selbst    stehe    nicht    besonders    auf    die    ultrascharfen    Hochglanzfotos    und    habe    manchmal    meine    eigenen Ansichten hinsichtlich der Fotobearbei-tung. Zwei   Fotos,   durch   Zufall   aufgenommen,   weil   Laura   so   agierte,   wie   sie   wollte   und   ich   die   Kamera   drauf   hielt,   fand ich   interessant   und   bearbeitet   sie   mit   bestimmten   Farbfilter   und   einer   „schmutzigen“   Textur,   sodass   durchaus ein   seltsamer   Eindruck   entstand,   der   auch   verschiedene   interpretierbar   war.   Eine   gewisse   Bewegungsunschärfe, ebenfalls   bedingt   durch   den   Filter,   fanden   ich   nicht   schlecht.   Dann   dachte   ich,   es   mal   in   Facebook   zu   zeigen, mit    „durchschlagendem    Erfolg“.    Die    „Profi“-fotografen    fielen    darüber    her,    fanden    keine    Schärfe    im    Bild    und eine   schlechte   technische   Ausführung.   Gut,   das   war   noch   akzeptabel.   Aber   es   wurde   ärger,   als   ich   sagte,   das Model    fand    es    eigentlich    „scharf“.    Das    war    in    Anführungsstriche    gesetzt    und    eigentlich    ein    Wortspiel    zur kritisierten   Schärfe   des   Bildes.   In   ihrem   Wahn   kriegten   die   Profis   dieses   Wortspiel   gar   nicht   so   recht   mit. Einer   war   arrogant   genug,   dies   in   Frage   zu   stellen   („da   würde   ich   das   Model   selber   gern   fragen“,   der   gute   Mann hat   nicht   die   geringste   Ahnung,   was   er   sich   damit   antun   würde)   und   plötzlich   hatte   man   Oberwasser   und   fiel über   das   Bild   gnadenlos   her.   Da   waren   zu   viel   Haare   im   Mund,   das   Bild   war   plötzlich   billig,   niemand   fragte   nach dem   warum   und   wieso,   jeder   war   sich   nur   der   Scheußlichkeit   des   Bildes   bewusst.   Ich   musste   das   weder   mir   noch dem   Model   antun   und   verabschiedete   mich   von   der   Seite.   Zur   Ehrenrettung   muss   ich   sagen,   dass   es   in   der   Meute wenigstens   einen   gab,   der   sehr   kritisch   war,   aber   Fragen   stellte,   und   damit   war   er   völlig   akzeptabel.   Ansichten sind   nun   mal   verschieden.   Und   natürlich   bin   ich   mir   bewusst,   dass   meine   Art   zu   fotografieren   und   zu   bearbeiten sich   von   den   meisten   unterscheidet   und   nicht   jedermanns   Sache   sind   (und   natürlich   auch   fehlerbehaftet   sein kann). Gott sei Dank wie ich meine. Kritik ist willkommen, wenn sie nicht hässlich und abwertend wird. Zumindestens    erreichte    ich    das    Credo    eines    jeden    Fotografen.    Man    schaute    sich    das    Bild    länger    an,    als    die meisten anderen.
Das geblitzte Pferd
Das    böse    Bild,    mit    dem    grün und   blau   geschlagenen   Model und       schlechter       technischer Qualität
Die    beiden    Bilder    hab    ich    gar    nicht    gezeigt,    die    wären    wohl    gnadenlos zerissen     worden,     passen     nicht     in     die     perfekte     Fotowelt,     zeigen     aber eigentlich viel von der Seele de Models.
Tote Menschen

Fotogeschichten

MSW Welten (Fotografie und Projekte)

© Sandy Wohlleben / Michael Waldow                       update: 14.09.2018
Unglaubliche Fotogeschichten
Es    war    einer    jener    herrlichen    Herbsttage,    die einem    zum    Träumen    verleiten.    Hätte    ich    gern getan,    saß    aber    in    einem    Auto    und    fuhr    durch den   Dölauer   Wald   bei   Halle.   Neben   mir   zog   sich die    alte    Bahnlinie    hin,    die    durch    einen    Verein gerade    „renoviert“    wird.        Kein    Auto    auf    der Straße,   bunte   Blätter   und   das   Gefühl   durch   die Unendlichkeit    zu    fahren,    dazu    der    Song    „Far, far    away“    von    Slade.    Wunderbar!    Da    ich    gern fotografiere,      verleitete      es      mich      dazu      mal auszusteigen     und     ein Foto zu machen. An     einem     Übergang, den     auch     Waldläufer querten,      stellte      ich meine       Kamera       auf eine                              der Bahnschwellen          und machte       aus       dieser Perspektive     ein     Foto von   der   Unendlichkeit.   Zu   Hause   schrieb   ich   auf die    erste    Schwelle    „Far,    far    away“    und    stellte das   ganze   ins   Internet.   Und   dann   ging   es   los.   Als erstes      bekam      ich      eine      Belehrung,      das      es verboten     ist     die     Schienen     zu     betreten.     Als zweites   bekam   ich   entsprechende   Paragrafen   zu hören.          Nun,          die          Bahnstrecke          wurde ausgebessert,    war    aber    gesperrt    und    niemand hatte    seit    der    Einstellung    einen    Zug    gesehen, abgesehen        von        gelegentlich        dastehenden Maschinen der Arbeiter. Ausserdem   stand   ich   auf   einem   aufgeschütteten Bahnübergang.    Man    ließ    nicht    locker    und    mich wissen,    das    dies    kein    offizieller    Bahnübergang ist,   sondern   von   Förstern   gemacht.   Auch   als   ich den    Weg    und    Übergang    auf    der    Karte    aus    dem Internet    zeigte,    wurde    mir    erklärt,    die    Stadt habe   es   schon   aus   der   Karte   entfernt.   Das   war das   Vorgeplänkel,   jetzt   ging   es   erst   richtig   los. Man    erzählte    mir    von    toten    Menschen,    die    sich auf       Gleise       warfen       und       Zugführern,       die schockiert    sind    und    einer    verstieg    sich    in    der Meinung,    das    Bild    ist    aus    der    Sichtweise    eines auf    den    Gleisen    liegenden    toten    Menschen.    Das war   dann   genau   der   Zeitpunkt,   wo   ich   keine   Lust mehr hatte, diese Farce mitzuspielen. Das geblitzte Pferd Eines        Tages,        am späten      Nachmittag, begab    ich    mich    auf die         Koppel,         um Pferde                        zu fotografieren.     Ich     fokussierte     meine     Kamera und   fuhr   einfach   über   die   Koppel,   das   Auge   am Sucher,   um   ein   geeignetes   Objekt   aufzunehmen. Unvermittelt   tauchte   im   Sucher   der   Kopf   einer schönen   Stute   auf.   Ich   drückte   den   Auslöser.   Da das    Tier    der    Kamera    das    Licht    nahm,    klappte diese    den    Blitz    automatisch    auf    und    löste    ihn aus.    Das    Tier    war    davon    nicht    im    mindesten beeindruckt.       Das       Foto       selbst       wurde       ein gelungener Schnappschuß. Wochen    später    stellte    ich    das    Foto    in    einer Face-bookgruppe    ein,    wo    sehr    viele    Fotografen Mitglieder     waren.     Es     war     soetwas     wie     mein Einstiegsfoto.   Ich   hatte   es   nur   wenig   bearbeitet und   den   kleinen   weißen   Fleck   auf   dem   Auge   nicht so      recht      registriert.      Er      war      durch      den ausgelösten    Blitz    entstanden.    Was    danach    kam, verschlug     mir     die     Sprache.     Erst     wurde     ich kritisiert,    weil    ich    ein    Blitz    angeblich    bewußt nahm.    Dann    traten    selbsternannte    Tierschützer auf   den   Plan,   die   mich   regelrecht   in   den   Boden stampften.   Das   Tier   hätte   ich   geblendet   und   ich solle       die       Kamera       gegen       ein       Frittenbude eintauschen,       das       waren       dann       noch       die harmlosesten   Sätze.   Ein   weiteres   Foto,   das   ich von    einem    verträumten    Mädchen    machte,    wurde gleich    mit    verissen;    ob    ich    das    junge    Ding    zu Tode      geblitzt      habe      und      so      weiter.      Jeder Hinweis,    daß    das    Foto    zufällig    entstand,    der Blitz      automatisch      auslöste      und      das      Pferd überhaupt   keine   Regung   zeigte,   wurde   ignoriert oder   besser   nicht   geglaubt.   Es   wurde   auf   Teufel komm   heraus   behauptet,   es   wäre   meine   Absicht gewesen.   Ich   nahm   nicht   nur   die   Fotos   von   der Seite, sondern mich gleich auch. Entartete Fotos Wenn   man   Modelfotografie   macht,   kommt   man   an Dessousfotos     eigentlich     kaum     vorbei.     Einmal durch    die    Stadt    gegangen,    sind    solche    Fotos überall     präsent     und     stören     eigentlich     keinen Menschen    mehr.    Wir    sind    ja    aufgeklärt.    Das betrifft    aber    nur    Fotos,    bei    denen    das    Model nicht   persönlich   bekannt   ist.   Andernfalls   kochen die        Gerüchte        hoch        und        die        Fantasien überschlagen    sich.    Das    Model    gerät    in    Verruf und   der   Fotograf   gleich   mal   mit,   man   weiß   ja   wie und was da abläuft. Eines   Tages   zeigte   ich   einer   Bekanntenrunde   ein Dessousfoto     von     einem     19jährigen     Model.     Es wurde   von   den   älteren   Frauen   als   ästhetisch   und gelungen    befunden.    Eine    der    Frauen    gab    auch unumwunden      zu,      mit      ihrem      Mann      zusammen erotische         Filme         anzuschauen,         was         ein zustimmendes     Gelächter     auslöste.     Ich     freute mich,     dass     mir     jedenfalls     ein     ansprechendes Foto gelungen war. Wochen       später       wurde       ich       von       jemanden angesprochen,      warum      ich      schmutzige      Fotos herumzeige.    Ich    war    Baff,    welche    schmutzigen Fotos?    Ein    wenig    später,    nach    einer    intensiven Fragestunde    dämmerte    mir,    das    besagte    Frau, die     die     Fotos     für     gut     befand,     nach     meinem Weggang    sich    über    die    Dessousfotos    aufregte. Nun   ja,   sie   kannte   das   junge   Ding   und   schließlich kann    man    sich    ja    denken,    warum    ein    alter    Sack (also    ich)    junge    Mädchen    in    eindeutige    Posen fotografierte.    Typisch    Mann!    Seitdem    vermeide ich    Dessousfotos    im    Bekanntenkreis    zu    zeigen, schon   gar   nicht   bei   Leuten,   die   einen   versauten Witz     nach     dem     anderen     erzählen.     Da     ist     ja nichts dabei. Oder? Die Mätresse Da    wir    beide    auch    in    der Hallischen   Hanse   sind,   die Hallische             Hansetradi- tionen    pflegt,    spielen    wir in        der        Theatergruppe Quinta-X-Essentia        nicht nur    mittel-alterliche    Stü- cke, sondern machen auch    Fotogeschichten    aus dieser    Zeit,    die    wir    ver- öffentlichten.      Eine      der Geschichten       hieß:       Wie Erasmus    zu    einer    Mätresse    kam“,    bei    der    ein Kaufmann    sich    einbildete,    eine    wunderhübsche Magd   kaufen   zu   können   und   zu   seiner   Mätresse zu    machen.    Die    Magd    war    aber    nicht    nur    blond und    hübsch,    sondern    auch    mit    allen    Wassern gewaschen.   Sie   ließ   sich   scheinbar   auf   das   Spiel ein    und    machte    den    Kaufmann    betrunken,    nicht nur    vor    Glück,    sondern    im    wahrsten    Sinne    des Wortes.    Der    Kaufmann    unterschrieb    in    seinem Rausch      einen      Vertrag,      die      der      Magd      die Beteiligung    an    einer    Taverne    und    ein    hübsches Sümmchen   obendrein   bot.   Von   der   „Liebe“   hatte er    aufgrund    seines    Alkoholkonsums    nichts.    Die Geschichte        wurde        im        Mittelalterambiente fotografiert     und     in     Comics     umgewandelt.     Die Bilder     waren     P6     geeignet,     kleine     Kinderchen hätten     vielleicht     die     Geschichte     nicht     ganz verstanden.     Zu     jener     Zeit     hatte          aber     die Hauptdarstellerin    der    Magd    gerade    eine    neue Beziehung begonnen. Dafür     wurde     sie     beneidet     und     man     brauchte etwas      zum      Tuscheln.      So      fanden      es      einige angebracht,     doch     bei     ihrer     neuen     Beziehung nachzufragen,   ob   er   den   wüßte,   das   sie   mit   noch Einem   eine   Geschichte   um   eine   Mätresse   machte. Den   Inhalt   musste   man   freilich   nicht   lesen,   weiß man   doch   wie   solche   Weibsbilder   sind.   Gott   sei Dank     konnte     die     neue     Beziehung     der     Haupt- darstellerin     darüber     nur     lachen.     Wir     wußten aber    ab    diesem    Zeitpunkt,    dass    die    Neider    vor gar      nichts      zurückschrecken,      um      jemanden bloßzustellen   und   ihnen   die   Folgen   mehr   als   nur egal    sind.    Wir    nannten    die    Geschichte    um    in „Erasmus    und    Betlin“    und    schon    war    es    nicht mehr interessant. Die böse Foto Ich   hatte   mal   wieder   Lust   ein   Foto   besonders   zu bearbeiten   und   mein   Blick   fiel   auf   die   Serie   von Laura,   die   ich   schon   eine   Weile   kannte.   Sie   liebt es,   sich   vor   dem   Fotografen   zu   bewegen   und   sie mag    auch    ausgefallene    Fotos.    Ich    selbst    stehe nicht        besonders        auf        die        ultrascharfen Hochglanzfotos      und      habe      manchmal      meine eigenen   Ansichten   hinsichtlich   der   Fotobearbei- tung. Zwei     Fotos,     durch     Zufall     aufgenommen,     weil Laura    so    agierte,    wie    sie    wollte    und    ich    die Kamera    drauf    hielt,    fand    ich    interessant    und bearbeitet    sie    mit    bestimmten    Farbfilter    und einer   „schmutzigen“   Textur,   sodass   durchaus   ein seltsamer        Eindruck        entstand,        der        auch verschiedene    interpretierbar    war.    Eine    gewisse Bewegungsunschärfe,     ebenfalls     bedingt     durch den     Filter,     fanden     ich     nicht     schlecht.     Dann dachte    ich,    es    mal    in    Facebook    zu    zeigen,    mit „durchschlagendem         Erfolg“.         Die         „Profi“- fotografen     fielen     darüber     her,     fanden     keine Schärfe    im    Bild    und    eine    schlechte    technische Ausführung.   Gut,   das   war   noch   akzeptabel.   Aber es   wurde   ärger,   als   ich   sagte,   das   Model   fand   es eigentlich            „scharf“.            Das            war            in Anführungsstriche     gesetzt     und     eigentlich     ein Wortspiel    zur    kritisierten    Schärfe    des    Bildes. In     ihrem     Wahn     kriegten     die     Profis     dieses Wortspiel    gar    nicht    so    recht    mit.    Einer    war arrogant    genug,    dies    in    Frage    zu    stellen    („da würde    ich    das    Model    selber    gern    fragen“,    der gute    Mann    hat    nicht    die    geringste    Ahnung,    was er    sich    damit    antun    würde)    und    plötzlich    hatte man   Oberwasser   und   fiel   über   das   Bild   gnadenlos her.    Da    waren    zu    viel    Haare    im    Mund,    das    Bild war    plötzlich    billig,    niemand    fragte    nach    dem warum     und     wieso,     jeder     war     sich     nur     der Scheußlichkeit    des    Bildes    bewusst.    Ich    musste das     weder     mir     noch     dem     Model     antun     und verabschiedete      mich      von      der      Seite.      Zur Ehrenrettung    muss    ich    sagen,    dass    es    in    der Meute    wenigstens    einen    gab,    der    sehr    kritisch war,   aber   Fragen   stellte,   und   damit   war   er   völlig akzeptabel.   Ansichten   sind   nun   mal   verschieden. Und    natürlich    bin    ich    mir    bewusst,    dass    meine Art   zu   fotografieren   und   zu   bearbeiten   sich   von den   meisten   unterscheidet   und   nicht   jedermanns Sache    sind    (und    natürlich    auch    fehlerbehaftet sein    kann).    Gott    sei    Dank    wie    ich    meine.    Kritik ist     willkommen,     wenn     sie     nicht     hässlich     und abwertend wird. Zumindestens     erreichte     ich     das     Credo     eines jeden    Fotografen.    Man    schaute    sich    das    Bild länger an, als die meisten anderen.
 Das geblitzte Pferd
Tote Menschen
Far, far away
Das      böse      Bild,      mit dem     „grün     und     blau geschlagenen      Model“ und     schlechter     tech- nischer Qualität
Die    beiden    Bilder    hab    ich    gar    nicht    gezeigt,    die    wären wohl    gnadenlos    zerissen    worden,    passen    nicht    in    die perfekte    Fotowelt,    zeigen    aber    eigentlich    viel    von    der Seele de Models.